Carus Quo vadis?

Ester Petri und Uwe Wolf im Austausch

Was bedeutet ihnen Carus? Wie sehen sie die Zukunft des Verlags? Darüber sprachen Ester Petri und Uwe Wolf. Beide haben in der jüngeren Vergangenheit maßgeblich die Geschichte von Carus geprägt – Ester Petri als Geschäftsführerin neben Verleger Johannes Graulich, Uwe Wolf als Programmleiter in der Nachfolge von Günter Graulich. Beide sind nicht mit der Verlegerfamilie Graulich verwandt, trotzdem versuchen sie, die guten Traditionen eines Familienbetriebs beizubehalten – und den Verlag gleichzeitig fit zu machen für neue Herausforderungen!

Ester Petri (EP): Carus ist 50. Ein guter Moment, um Zwischen­bilanz zu ziehen und zu überlegen, wie wir diese Erfahrung für unsere Zukunft nutzen können. Denn es gab viele erfolgreiche, inspirierende, wunderbare Zeiten, aber natürlich auch traurige Momente, und nicht zuletzt mit der Corona-Pandemie eine Herausforderung, die niemand für möglich gehalten hätte. Meine Zeit bei Carus beläuft sich gerade einmal auf drei Jahre. Uwe, bei dir sind es schon ein paar Jahre mehr – warum hast Du dich damals entschieden, Cheflektor bei Carus zu werden?

Uwe Wolf (UW): Da kam Verschiedenes zusammen. Ich hatte in Leipzig gerade zwei tolle Projekte abgeschlossen: die Neuedition der h-Moll-Messe für die NBArev, die revidierte Ausgabe der Neuen Bach-Ausgabe, und die Neugestaltung des Bach-Museums, an der ich gemeinsam mit dem Museumsteam habe mitwirken dürfen. Beides einmalige Projekte, nach denen man sich fragt, was da noch folgen kann. Und ungefähr zu dieser Zeit fragten Günter und Johannes Graulich mich, ob ich mir nicht vorstellen könne, zu Carus zu kommen. Günter hatte das schon verschiedentlich getan, aber nun hatte er den richtigen Moment erwischt, und er hat mit neuen Aufgaben gelockt, mit einem neuen Verantwortungsbereich und einer spannenden Breite von Aufgaben. Und auch bei Carus geht es – unter anderem – um Bach, um Edition und immer auch um Vermittlung. Eigentlich also nichts Neues, nur unter anderen Vorzeichen. Ganz anders bei Dir, Ester, du kommst ja aus einem anderen Feld als der Chormusik oder der Musikwissenschaft – was macht für Dich Carus aus? Und was brauchen wir für unsere Zukunft mehr – oder was auch nicht mehr?

EP: Schon vor meinem Start bei Carus hat mich der klare Fokus auf die Chor- und Vokalmusik beeindruckt. Es geht bei Carus stets um Exzellenz, was aber keinesfalls elitär gedacht ist, sondern immer im Sinne von bestmöglicher Unterstützung von Chören und Chorleiter*innen weltweit. Unser Ziel ist es, deren Arbeit so komfortabel wie möglich zu machen, damit sie sich auf das Wesentliche konzentrieren können: Das gemeinsame musikalische Erleben!

Ich komme ja ursprünglich aus dem audiovisuellen Bereich und habe mich in den Jahren vor Carus intensiv mit den Charakteristika der Kultur- und Kreativwirtschaft ­beschäftigt und wie sie Treiber und kreativer Umsetzer der ­Digitalisierung ist. Wann und wie gelingt einem Medienhaus – konkret dem Carus-Verlag – die Digitalisierung? Meine Erkenntnis: Ein Patentrezept gibt es nicht, aber Carus hat durch seinen engen und intensiven Kontakt mit den ­Akteur­*innen der Chormusik einen wesentlichen Schlüssel in der Hand. Der Austausch findet bei Carus an vielen Stellen statt und dabei ist immer die Frage zentral, welches Repertoire Chöre brauchen und wie es für sie am besten nutzbar ist.

Uwe, Du und deine Lektoratskolleg*innen stehen täglich vor der Herausforderung, interessante und musikwissenschaftlich aktuelle Ausgaben zu edieren und zwar so, dass sie in der Musikpraxis gut verwendbar sind. Wie oft rauft Ihr euch die Haare, um das hinzukriegen? Oder habt Ihr ein geheimes Patentrezept?

Ester Petri

Ester Petri (*1974) ist seit 2018 gemeinsam mit ­Verleger Dr. Johannes Graulich Geschäftsführerin des ­Carus-­Verlags. Sie studierte Kulturwissenschaften an der Uni­versität ­Lüneburg. Vor ihrer Tätigkeit bei Carus war die Medien­managerin mit verschiedenen Schwerpunkten u. a. bei der MFG Medien- und Filmgesellschaft Baden-­Württemberg, beim Schweizer Radio und Fernsehen SRF und beim europäischen Kulturkanal ARTE tätig.

Wir haben einige richtige Klassiker geschaffen.

Dr. Uwe Wolf (*1961) leitet seit 2011 das Lektorat des Carus-Verlags. Zuvor war der Musikwissenschaftler und Historiker über 20 Jahre in der Bach-Forschung tätig, zunächst am Bach-Institut in Göttingen, später am Bach-­Archiv Leipzig. Noch länger ist er als Bläser aktiv, um Instrumente von der Barocktrompete bis zum Zink zum Klingen zu bringen.

UW: Nein, Patentrezepte gibt es nicht; das wäre auch langweilig. Wie sich aus einer Quellensituation ein Notentext konstituiert, kann sehr verschieden sein und auch unsere Herausgeber*innen haben unterschiedliche Herangehensweisen und einen unterschiedlichen Fokus. Aus einer immer irgendwie zufälligen Überlieferungs­situation die richtigen Quellen herauszufischen, ist immer aufs Neue ein spannender Prozess. Und wenn die maßgeb­liche(n) Quelle(n) bestimmt, der „Urtext“ freigelegt ist, dann beginnt bei uns „das Haareraufen“, also die kritische Auseinandersetzung damit: Wieviel muss man eingreifen, damit der Notentext in sich stimmig wird, ohne zugleich den Spielraum der Aufführenden zu beschneiden – das ist immer eine Gratwanderung, bei der auch jede Heraus­geberin und jeder Herausgeber andere Schwerpunkte setzt und neue Aspekte einbringt. Unsere Aufgabe ist es, die wissenschaftlichen und die musikpraktischen Notwendigkeiten gleichermaßen einzufordern. Und mit einer guten Partitur alleine kann man kein Werk zum Erklingen bringen. Man braucht Stimmen (mit guten oder wenigstens bestmöglichen Wendern), einen Klavierauszug, oft eine Chorpartitur, Übersetzungen, Aussprachehilfen, Übehilfen… Nicht immer ist alles nötig (oder möglich), aber mit einer Partitur alleine begnügen wir uns nie. Da ist dann das ganze Haus gefordert: Ein guter Notentext braucht auch den ausgewogenen Notenstich und das richtige Papier, die Texte brauchen gute Übersetzungen – bis hin zu Audio­aufnahmen und Übehilfen. Und an den Mann resp. die Frau gebracht werden wollen die Ausgaben auch.
Natürlich treffen wir auch nicht immer ins Schwarze. Aber wir pflegen einen engen Kontakt mit unseren Kund*innen, laden alle zwei Jahre Chorleiter*innen zum Choratelier direkt in unseren Verlag ein, wir sind auf Veranstaltungen wie der chor.com oder der amerikanischen ACDA Convention und die Kolleg*innen im Kundenservice stehen täglich beratend zur Verfügung. Wir haben die Ohren und Augen immer offen für das, was die Chorwelt braucht.

EP: Das unterschreibe ich direkt mit. Und die Rückmeldungen, die wir im Kundenservice oder bei Veranstaltungen bekommen, zeigen, dass wir da sehr viel richtig machen. Das bestärkt vor allem dann, wenn wir uns an Ausgaben wagen, die wirtschaftlich sehr anspruchsvoll sind. Die Chorbücher sind in den letzten Jahren in der Produktion immer aufwändiger geworden. Hier investieren wir viel und gehen ins Risiko. Bisher hat sich das erfreu­licherweise sehr oft ausgezahlt. Wir haben einige richtige „Klassiker“ geschaffen, wie die Volksliedersammlungen Lore-Ley, die Freiburger Chorbücher und andere Samm­lungen für kirchliche Chöre und – noch relativ frisch, aber auf dem besten Weg, ein Must-have zu werden – das Chorbuch Beethoven. Der Erfolg solcher Sammlungen hängt von vielen Faktoren ab, ein entscheidender ist immer die stimmige Auswahl aus dem weiten Feld an möglichen Werken. Für die Zukunft stellt sich da für mich vor allem die Frage, wie man diese Kuratierung digital darstellen kann, ohne dass man direkt ein ganzes Buch drucken muss. Da sehe ich noch viel Potenzial dank unserer digital verfügbaren Einzel­ausgaben in Kombination mit themenbezogenen und von Expert*innen kommentierten Zusammenstellungen unserem CARUS Blog.

EP: Die spannende Frage ist dabei, was die Chorszene heute neu oder in Zukunft anders braucht und wie wir dafür die digitalen Möglichkeiten nutzen. Mit der digitalen Übe-App carus music, the Choir Coach, hat Carus mich als damals Außenstehende sehr beeindruckt. Carus als im analogen Printgeschäft verankerter Verlag hat es geschafft, mit der Chor-App ein digitales Produkt zu entwickeln, das nicht nur innovativ, sondern genau auf den Bedarf der Chor­sänger*innen zugeschnitten ist. Die App, die ja als Investition in die Zukunft entwickelt wurde, konnte sich so schnell selbst tragen. Das ist großartig und hat in der Verlagswelt meiner Beobachtung nach echten Seltenheitswert. Ich denke, das hat so gut funktioniert, weil Carus sich auch hier der Wünsche und Bedürfnisse der Chorsänger*innen sehr bewusst war. 2021 konnten wir endlich auf einen noch offen gebliebenen Wunsch reagieren: carus music ­funktioniert jetzt geräteunabhängig, also auch auf PCs und nicht nur auf mobilen Endgeräten.

Die digitalen Möglichkeiten erlauben es uns, unseren enorm reichhaltigen Repertoirekatalog für Chorleiter*innen gut durchsuchbar zu machen. Die Carus-Webseite nutzen täglich hunderte Chorleiter*innen aus der ganzen Welt, die sich über Werke informieren und für ihren Chor passende Stücke fürs nächste Konzert zusammenstellen. Dabei haben uns in der Vergangenheit regelmäßig Anfragen wie diese erreicht: Ich habe morgen Probe und möchte unbedingt Schütz’ Verleih uns Frieden gnädiglich mit meinem Chor machen. Unsere Auslieferung ist zwar wirklich schnell, aber weder wir noch die Post können zaubern. Doch seit 2020 kann man einen Teil unseres Katalogs (und wir arbeiten am Ausbau des Repertoires!) als pdf-Download digital ­beziehen. Wenige Minuten nach der Bestellung bei uns oder beim Musikalienhändler liegen die Noten für den Chor per E-Mail vor. Für den legalen Ausdruck in Chorstärke! Neben den Noten kann man auch Audio-Aufnahmen oder­ ­Einführungs- und Singtexte fürs Konzertprogrammheft digital erwerben. Ich bin sehr stolz, dass wir diesen Rundum-Sorglos-Service bieten können. Wir haben dieses anspruchsvolle Vertriebsprojekt nämlich mitten in der schwierigen Coronazeit gestemmt. Uwe, worauf bist Du am meisten stolz?

Wir können stolz darauf sein, dass wir trotz allem den Kopf nicht in den Sand gesteckt haben.

UW: Da Du Corona angesprochen hast: Wir können stolz darauf sein, dass wir trotz allem den Kopf nicht in den Sand gesteckt haben (obwohl ich es oft gern getan hätte), sondern dass wir auch mit stark eingeschränkten Kräften weiter Programm gemacht haben! Wir haben ganz bewusst kein Corona-Spezialprogramm aufgelegt, sondern unser geplantes Programm priorisiert: Was von den Dingen, die wir wichtig finden, ist durch Corona nochmal wichtiger geworden? Zum Beispiel unsere Reihe „Große Werke in kleiner Besetzung. Die Reihe ist auch unabhängig von Corona wichtig – somit haben wir in dieser schwierigen Zeit an Ausgaben gearbeitet, die auch in zehn Jahren noch Bestand haben.

In der alltäglichen Arbeit gibt es viele Dinge, die befriedigen: Besonders schön ist es, wenn es gelingt, dass durch unsere Ausgaben Kompositionen aufgeführt werden, die vorher fast vergessen waren, weil es keine greifbare Ausgabe gab, oder wenn – wie etwa im Fall von Homilius – ein wenig bekannter Komponist wieder im Konzertleben verankert wird. Es befriedigt aber auch, wenn es gelingt, eine neue Ausgabe eines Repertoirestücks am Markt zu etablieren, also wenn wir spüren: Es gibt zwar schon Ausgaben, aber wir können es mit unseren Herausgeber*innen doch noch anders, oft sogar besser machen. Und ich bin wirklich stolz auf mein Lektorats-Team, ein Team mit sehr verschiedenen Menschen mit ganz unterschiedlichen Fähigkeiten und ganz individuellen musikalischen Hintergründen, die alle ihr ­Können und Wissen in einem freundschaftlichen Miteinander zusammenwerfen: vom Lesen einer undeut­lichen Currentschrift über die Frage, ob ein Doppelgriff ­funktioniert oder welche Stichnote am meisten hilft.

…offen, kollegial und wertschätzend…

EP: Genau, als ich bei Carus vor drei Jahren angefangen habe, hätte ich mir keine besseren Kolleg*innen ­wünschen können: offen, kollegial und wertschätzend. Eigentlich ­hatten wir für 2020 diverse neue Ideen und Projekte geplant. Aber dann kam die Corona-Pandemie. Für uns im Verlag war dies – wie für so viele andere – eine Riesen-­Herausforderung. Bisher hatten wir eine Kultur der kurzen Wege. Jetzt mussten wir alle Zweier- und Dreierbüros auf­lösen und die Mitarbeiter*innen teilweise ins Home Office schicken. Unsere Umsatzverluste sind so dramatisch, dass wir nur dank der Kurzarbeit, drastischer Sparmaßnahmen im Programm und verschiedener staatlicher Hilfen über­leben können. Ich denke, dass wir das durchstehen werden, weil Carus sich in den Jahren davor einen festen Platz in der Chorszene erarbeitet hat und die Kolleg*innen im Haus auf großartige Weise mitziehen. Ich musste und muss ihnen so viel Flexibilität abverlangen und sie halten Carus die Treue. Sie unterstützten sich gegenseitig und haben alle das gemeinsame Ziel durchzuhalten immer vor Augen. Natürlich werden wir alles dafür tun, dass die Chormusik und damit auch wir als Verlag die Pandemie-Zeit ganz schnell abhaken können. Meine Dankbarkeit für diese Verbundenheit und das große Engagement der Kolleg*innen werde ich aber sicher nie abhaken! Geholfen hat uns als Verlag auch der Zusammenhalt der Chorszene. Das ist etwas, was ich vorher nicht so kannte. Und selbst unter den Mitbewerbern gibt es ein gutes Miteinander. Die Krise hat den kollegialen Austausch sogar noch gestärkt.

2022 ist ein ganz besonderes Jahr für uns. Wir wollen feiern, was Carus in den letzten 50 Jahre erreicht hat und gleich­zeitig werden wir in 2022 die Nachwirkungen der Pandemie noch deutlich spüren. Aber wir haben natürlich auch schon wieder ganz viele Pläne für die Zukunft. Wir waren erfolg­reich beim Förderprogramm „Innovative Geschäftsmodelle und Pionierlösungen“ des Bundeswirtschaftsministeriums. Das gibt uns auch das nötige Startkapital für unser nächs­tes Projekt im Bereich der digitalen Unterstützung von angehenden Chorleiter*innen, das wir gemeinsam mit Jan Schumacher in Angriff genommen haben.

UW: Für das klassische Notenprogramm hatten wir uns vor einigen Jahren vorgenommen, bis zum Jubiläum 2022 alle wichtigen chorsinfonischen Werke bei Carus in ­modernen Urtext-Ausgaben vorzulegen. Diesen Plan hat Corona durchkreuzt, aber an diesem Ziel halten wir fest, auch wenn wir es nicht ganz bis zum Ende des Jubiläumsjahres schaffen werden. Das nächste Werk aus dieser Liste wird The Dream of Gerontius von Elgar sein. Aber auch Bruckner wird in den nächsten Jahren großgeschrieben, weitere Arrangements in den Reihen „Große Werke in klei­ner Besetzung“ sowie „Chor & Orgel“ werden erscheinen, für Chöre mit nur einer Männerstimme wird es ein neues Chorbuch geben, neue Kindermusicals sind ebenso geplant wie Peter Schindlers neue szenische Kantate Perpetuum mobile. Ein buntes Programm, in dem sich viele Chöre wiederfinden können – trotz Corona so vielfältig wie immer, nur dass wir nun auch das Digitale immer mitdenken.

2 Antworten
  1. Roland Weinert
    Roland Weinert sagte:

    Herzlichen Glückwunsch zum 50. Geburtstag!

    Geniales Programm! – Geniales Customizing! – Chorpraxisorientiert! – Genialer Verlag!

    Gesang wird es immer geben. In Zeiten wie diesen braucht’s halt einen langen Atem, Geduld und Frustrationstoleranz in erhöhtem Maße.

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