Günter Graulich zum 100. Geburtstag
Kleines Porträt seiner „polyphonen Existenz“ mit O-Tönen des Jubilars.
Am 2. Juli 2026 feiert Günter Graulich seinen 100. Geburtstag. Sich diesem Jubilar mit Worten zu nähern, das fällt auch nach vielen Jahren der Bekanntschaft schwer und leicht zugleich. Schwierig wäre die vollständige Darlegung seiner geradezu „polyphonen“ haupt- und nebenberuflichen Initiativen. Einfach hingegen ist es, Zugänge zu Günter Graulich zu finden. Er ist ein nahbarer Zeitgenosse! Bei der Frage nach einer Kurzbeschreibung seiner Person lassen wir ihn – wie auch zu anderen Themen in dieser kleinen Würdigung eines großen Musikverlegers – selbst zu Wort kommen. Mit einer guten Portion Humor, die ihn immer auszeichnet, gibt er zu Protokoll:
Günter Graulich
*2. Juli 1926
Waltraud und Günter Graulich
Hochzeit 1960
Musik fasziniert ihn seit jeher, und das in einem ganz umfassenden Sinn. Seine unbändige Neugier wetteifert fruchtbar mit dem hohen Anspruch auf Perfektion. In jungen Jahren wirkte er als Kantor an der Stuttgarter Matthäuskirche. Er war lange Jahre zugleich Chorsänger und -leiter, Lehrer am Gymnasium und „Schüler“, was das Edieren von Musik angeht. 1972, mit 46 Jahren, gründete er gemeinsam mit seiner Frau Waltraud den Carus-Verlag. Beide haben die Weichen des Unternehmens behutsam gestellt, für den Aufbau wie für die spätere Weiterentwicklung bis heute. Dabei ergänzten sich die beiden in geradezu idealer Weise. Mit den Worten Günter Graulichs Worten über seine Frau:
Vielleicht waren die Erfahrungen des gemeinsamen Musikmachens im Chor eine gute Grundlage dafür, dass die beiden sich nicht nur menschlich, sondern auch fachlich so gut ergänzten und sich einig waren, was besonders wichtig ist: Es geht um die emotionale Begeisterung für Musik und für viele Projekte, gepaart mit einem rationalen Bewusstsein für die jeweils konkreten nächsten Schritte, deren Terminplanung insbesondere Waltraud Graulich im wachen Blick hatte, und insgesamt für Qualität. Wenn Günter Graulich von seiner Begeisterung spricht, dann darf das Stichwort „Chor“ nicht fehlen:
Aber er hört auch aufmerksam auf andere! Auf seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Abteilungen Lektorat, Herstellung, Vertrieb, Marketing, Rechte und Lizenzen sowie auf die vielen, mit denen er im Lauf seines langen Berufslebens Kontakte geknüpft hat: von den Interpretinnen und Interpreten der Musik bis zu den Kollegen in der Wissenschaft. Dabei war er immer empfänglich für Tipps. Im Jahr 1968 war es, als beim geselligen Beisammensein nach einem von Günter Graulich dirigierten Konzert die Altsolistin von einem Vivaldi-Stück erzählte, das sie schon in der Schweiz gesungen hatte und das vielleicht auch etwas für Stuttgart wäre … Günter Graulich, dem eine strikte Trennung zwischen Dienst und Freizeit wohl noch nie eingeleuchtet hat, wird hellhörig:
Mit Vivaldi also begann die verlegerische Tätigkeit! Zunächst noch vertrieblich abgesichert im Hänssler-Verlag, aber zugleich wie ein editorischer Brückenschlag zur Gründung des Carus-Verlags im Jahr 1972 durch Günter und Waltraud Graulich. Überhaupt war dieser Vivaldi die erste wissenschaftlich-kritische Edition des Gloria, das heute bei den Chören in aller Munde ist. Dieser Long- und Bestseller im Carus-Programm zeigt den Spürsinn, der die Graulichs von Anfang an ausgezeichnet hat. Ansonsten hätte aus dem verlegerischen „Prototyp“ nicht ein imposantes „Ensemble“ von inzwischen über 45 000 Titeln werden können! Ob es da ein Geheimrezept gab, wissen wir nicht. Besonders wichtig aber war, dass und wie so viele Dinge organisch ineinandergriffen, ja sich gegenseitig inspiriert haben: Die musikalische Arbeit mit dem Motettenchor Stuttgart, insgesamt über ein halbes Jahrhundert mit vielen Konzerten und Chorreisen, zeigte dem Praktiker Graulich, wo Lücken waren, weil ein vermutetes Repertoire gar mit praktischen Notenausgaben zur Verfügung stand. Er ließ dann nicht locker, bis sie mit Editionen gefüllt waren, natürlich mit seinem Chor als Ensemble zum Ausprobieren.
Günter Graulich hat immer auch den Kontakt zu Ensembles und Dirigenten gesucht: zu Helmuth Rilling und Robert Levin bei der Vervollständigung von Mozarts c-Moll-Messe, zu Hans-Christoph Rademann und dem Dresdner Kammerchor in Sachen Schütz-Gesamteinspielung, zum Max-Reger-Institut Karlsruhe ebenso wie zum Calmus-Ensemble und vielen anderen. Graulich ließ sich gern für neue Ideen begeistern, die oft einschlugen: Das „Freiburger Chorbuch“ zum Beispiel, dessen Herausgeber nach etlichen Jahren im Verlag das 100 000. Exemplar feiern konnten. Er wusste und spürte, wann man etwa Herausgebern Zeit geben muss, damit ein Projekt reifen kann, und wann man die Zügel anziehen muss, damit das gemeinsame Ziel – und es war immer das gemeinsam Ziel! – nicht aus dem Blick gerät. Nicht vergessen wollen wir seinen langen Atem. Da könnte der Sportler Graulich, der den Handstand auch als Opa noch selbstverständlich beherrscht hat, eine förderliche Rolle gespielt haben. Ein konsequent verfolgtes Projekt konnte dann Jahre und Jahrzehnte in Anspruch nehmen wie zum Beispiel bei Mendelssohn:
Und dazu gehört auch die Mendelssohn-Biographie von Larry Todd in deutscher Übersetzung als wissenschaftlich fundiertes und gut lesbares Standardwerk! Ähnlich umfassende Projekte wie Mendelssohn waren die Kirchenmusik von Heinrich Schütz und der Bach-Familie, von Mozart, Schubert, Beethoven, Haydn und vielen anderen, die große Rheinberger-Gesamtausgabe und die hybride Reger-Edition sowie im Buchsektor das fünfbändige „Basiswissen Kirchenmusik“, um nur Weniges ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu nennen. Als Kirchenmusiker und Pädagoge, aber mehr noch als Verleger und Impulsgeber, hat Günter Graulich wie kaum ein anderer die Pflege und Verbreitung der Vokalmusik geprägt. Das sichere Gespür für Win-win-Situationen hat er oft bewiesen, auch als verantwortungsvoller Arbeitgeber. Seine schwäbisch-protestantische Herkunft prägt ihn, aber mit einer ökumenischen Weite. Sein Lebenswerk strahlt weit über Stuttgart hinaus. Chorsängerinnen und -sänger kennen ihn alle – wenn nicht persönlich, dann durch seine Notenausgaben. Vielfach wurde er für seine Lebensleistung geehrt, unter anderem mit der Ernennung zum Kirchenmusikdirektor, mit der Orlando-di-Lasso-Medaille der deutschsprachigen Cäcilien-Verbände und dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Was er persönlich ausstrahlt – beim „vivace assai“ als häufigem Grundtempo wohl lebenswichtig! – ist Gottvertrauen und die nach 100 Jahren überaus erfahrungsgesättigte Liebe zur Musik:
* Die Zitate von Günter Graulich stammen aus der Biographie Günter Graulich: Alle Register.
























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