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Märchenzauber

Die „Trois chansons“ von Maurice Ravel entführten Christina Rothkamm beim Singen in einen Märchenwald.

01.05.2016/0 Kommentare/in Lieblingsstücke /von Christina Rothkamm

Ein kleines Juwel der A-cappella-Chorliteratur sind für mich die Trois Chansons von Maurice Ravel: Wer sie einmal gesungen hat, dem bleibt ihr heiterer Klangzauber im Gedächtnis … – und vielleicht auch ein Knoten in der Zunge. Mit Leichtigkeit und Humor erzählt Ravel, der sowohl Text als auch Musik schuf, drei Geschichten, musikalisch an Renaissance-Kompositionen orientiert, inhaltlich Märchenmotive aufgreifend.

Da ist im ersten Satz Nicolette (quasi eine Schwester von Rotkäppchen), ein Mädchen, das sich zwar nicht vom Wolf verführen lässt, sich aber auch – schweren Herzens – von einem schönen Jüngling abwendet, um – mit Blick auf goldenen Besitz – zielstrebig einem hässlichen alten Mann in die Arme zu laufen. Ravel weiß musikalisch ebenso dem unbekümmerten Spazieren des Mädchens Gestalt zu geben wie seinem seufzenden Abschied vom Jüngling oder dem japsenden Auftritt des alten Mannes (durch Bass-Vorhalte stimmlich angeschlagen).

Das zweite Chanson ist ein zauberhaft lyrischer Dialog eines Mädchens mit drei Paradiesvögeln, die ihm die Nachricht vom (Kriegs-)Tod seines Geliebten überbringen. Die Solostimmen werden dabei vom summenden Chor wie von einer Streicherbegleitung getragen. Nur in diesem zentralen Stück machen sich die düsteren Schatten der Entstehungszeit bemerkbar, komponierte Ravel doch die „Trois Chansons“ nur wenige Monate nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

Der dritte Rundgesang („Ronde“) lässt alle erdenklichen fantastischen und grotesken Gestalten des Waldes von Ormonde auftreten, wofür sich Ravel von Freunden alle möglichen Waldfiguren nennen ließ: Für die Chorsänger/innen nicht zuletzt zungenbrecherische Herausforderungen („diables, diablots, diablotins, des chèvre-pieds, des gnomes, des démons, des loups-garous, des elfes, des myrmidons, …“)!

Zu der Komposition Ravels urteilte sein Freund Tristan Klingsor (dem das erste Chanson gewidmet ist): „Ravel hat sein ganzes Herz in diesen Chansons gegeben. … Der große Rechenkünstler des Orchesters behielt die Natürlichkeit eines großen Kindes“. Die märchenhaften Stücke können Ausführende und Publikum gleichermaßen bezaubern. Sehr gut lassen sie sich mit Debussys stilistisch nahestehenden Trois Chansons de Charles Orléans kombinieren.

Christina Rothkamm arbeitet seit September 2014 im Carus-Verlag und ist in der Abteilung Kommunikation für die Printmedien zuständig. Privat singt sie im Chor und spielt die beiden Instrumente Violine und Klavier.

Trois chansons

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