• DE
  • EN
  • Shop
  • Über den Blog
  • Kontakt
  • Newsletter
Carus Verlag
  • Shop
  • Menü Menü
  • Kategorien
    • Chorpraxis
    • Persönlichkeiten
    • Chorwerke im Spotlight
    • Musikgeschichten
    • Singen mit Kindern & Jugendlichen
    • Lieblingsstücke
  • Suche
  • Performances

Georg Philipp Telemanns „Donner-Ode“ und „Die Tageszeiten“

Tönende Natur

19.09.2022/0 Kommentare/in Chorwerke im Spotlight, Musikgeschichten /von Henning Bey

Am 1. November 1755 wird die Welt von einem gewaltigen Beben erschüttert, und kein Stein bleibt mehr auf dem anderen: Das Erdbeben von Lissabon – ein gewaltiger Tsunami, wie wir heute wissen – zerstört nahezu komplett die viertgrößte Metropole Europas, tötet über 100.000 Menschen und bringt auch große Teile des gedanklichen Fundaments der Aufklärung ins Wanken. Diese Naturkatastrophe ist ein einschneidendes Ereignis, das einen geistesgeschichtlichen Epochenumbruch einleitet. Nach ihr ändert sich entscheidend das theologische und philosophische Denken der Epoche, es bröckeln geistige (und geistliche) Gewissheiten, der mündige, tätige Mensch erweist sich auf einmal als ein Spielball unkontrollierbarer Naturgewalten. Die Zeitgenossen suchen nach Erklärungen, vor allem stellen sie sich nun verstört die Frage, wie solch eine Katastrophe mit der „besten aller möglichen Welten“ (Leibniz) eines gütigen Gottes überhaupt vereinbar sei.

Das Erdbeben von Lissabon ließ natürlich auch die zeitgenössischen Künste nicht unbeeinflusst. In der Musik entwickelt sich die bis dato als „Geräusch“ und „zu keiner eigenständigen Aussage fähig“ abqualifizierte Instrumentalmusik mehr und mehr zu einem gleichberechtigten, aussagekräftigen Partner der textgebundenen (und ihr früher stets vorgezogenen) Vokalmusik. Sicherlich spielte dabei die Fähigkeit der textlosen Musik, Naturgeräusche nachzuahmen und Naturphänomene bildhaft darzustellen eine große Rolle.

Telemann_by_Preisler

Georg Philipp Telemann hat diese Entwicklung maßgeblich geprägt. Gerade sein eindrucksvolles Spätwerk aus den 1750er und 1760er Jahren steht für einen Aufbruch zu neuen Ufern. Mit der Donner-Ode von 1756 reagiert Telemann direkt auf das Erdbeben von Lissabon. Telemann wählt als Text eine enthusiastische Dichtung, die Christian Gottfried Krause (1719–1770) und Karl Wilhelm Ramler (1725–1798) aus den Psalmen 8 und 29 (durch den Kopenhagener Hofprediger und Poeten Johann Andreas Cramer ins Deutsche übersetzt und in Verse gebracht) zusammengestellt hatten. Dieser freien Erlebnisdichtung (man könnte auch von einem Gesang in höchster Erregung sprechen) begegnet der  Komponist mit individuellen musikalischen Verläufen, in denen die Form unmittelbar aus der jeweiligen Handlung zu entstehen scheint.

Der feierliche Eingangschor „Wie ist dein Name so groß“ formuliert die Kernaussage des gesamten Stücks: den „Lobpreis Gottes angesichts der Erhabenheit der gewaltigen Natur“ (Laurenz Lütteken). Unter dem „Erhabenen“ versteht man im 18. Jahrhundert das „große und furchtbar Schöne in der Natur“ (Klopstock); der Kreis um Johann Andreas Cramer spricht sogar von einem „angenehmen Grauen“. „Erhaben“ und prachtvoll ist auch dieser Eingangschor. Sein gravitätischer, punktierter Rhythmus zu Beginn erinnert ebenso an die Ouvertüre einer Suite wie seine anfängliche Dreiteiligkeit, mit schnellem, nicht-punktiertem Mittelteil („von deinem Namen entzücket“) und der Wiederkehr des Anfangs.
In den folgenden Sätzen ignoriert Telemann weiterhin die traditionellen Formen geistlicher Vokalmusik, weder gibt es Rezitative noch klassische Arien. Vielmehr folgen solistische Monologe in freier Form aufeinander, die meistens mit konzertierenden Instrumenten aufwarten: Sopran und Fagott im zweiten, Alt und Oboe d’amore im dritten, Tenor und virtuose Streicher im vierten, erster Bass und Horn im fünften, zweiter Bass und Trompete im sechsten sowie beide Bässe und Pauken im siebten Satz.

Donner Ode

Georg Philipp Telemann

Donner-Ode

Die Neuausgabe berücksichtigt erstmals wichtige, neu aufgefundene Quellen wie das Autograph des ersten Werkteils.

Carus 39.142

Von Satz zu Satz steigt die Dramatik, spitzt sich die Odenhandlung zu. Zum ersten Mal werden die tobenden Naturgewalten im mit „feurig“ überschriebenen Monolog des Tenors beschrieben: „Die Stimme Gottes erschüttert die Meere“. Rasende Rhythmen in den Geigen und Koloraturen in der Stimme erzeugen eine bildhafte Virtuosität, die den Donner auf der Zeile „Der Höchste donnert“ imitiert. Aktualität stellt sich ein, die Katastrophe von Lissabon erscheint vor dem geistigen Auge. Im sechsten Satz geht die Zerstörung durch die Gewalt der Natur, in der sich die Herrlichkeit Gottes äußert, noch einen Schritt weiter – Gebirge stürzen zusammen, und „der Erdkreis wankt“. Beides findet seine Entsprechung in der Musik, die Geigen prägen im hektischen Zickzack bildhaft eine Gebirgskette aus, die Trompete tönt dazwischen wie die letzte Posaune des Jüngsten Gerichts, und der Bass bringt mit gesungenen Synkopen den Rhythmus ins Wanken.

Das Schlussduett des 1. Teils, an den sich das Da Capo des Eingangschors anschließt, ist Höhepunkt und rhetorisches Fazit der gesamten Donner-Ode: „Er donnert, dass er verherrlichet werde.“ Telemann geht es hier nicht um ein Duett im üblichen Sinne, sondern um ein verstärktes Singen, wobei der durch Triller und Tonrepetitionen symbolisierte Donner beide Gesangsstimmen wie Instrumente behandelt. Die unkonventionelle Solopauke verstärkt den Eindruck einer albtraumhaften Höllenfahrt – und mündet in der Forderung nach einem Lobgesang, die organisch das Da Capo des Eingangschors nach sich zieht. Damit schließt sich der Kreis, am Anfang wie am Ende steht das Lob der Herrlichkeit Gottes. Der zweite Teil der Donner-Ode entsteht zum Neujahrstag 1760. Uraufgeführt wird „Mein Herz ist voll“ ebenfalls in der Hamburger Hauptkirche St. Katharinen, und zwar als Musik vor der Predigt.

Georg Philipp Telemann

Die Tageszeiten

Carus 39.137

Der kriegerisch anmutende Text stammt auch aus Cramers Psalmenübersetzung. Der Bearbeiter des Textes ist nicht belegt, man nimmt aber an, dass Telemann selbst den Psalm 45 für seine Zwecke bearbeitet hat. In einem denkwürdigen Konzert am 8. April 1761 im Hamburger Drillhaus, dem üblichen Veranstaltungsort für Telemanns eigene  Konzertreihe, erklingt die Donner-Ode erneut. Georg Philipp Telemann kombiniert sie mit zwei weiteren Spätwerken, der Auferstehung und den Tageszeiten. Gerade die 1759 entstandenen Tageszeiten entfernen sich mit ihrer individuellen Musiksprache zunehmend vom Barock und liegen näher beim galanten Stil des jungen Joseph Haydn (man höre sich nur dessen drei „Tageszeiten“-Sinfonien von 1761 an!). Auf eine einleitende Symphonie im italienischen Stil à la Vivaldi, die musikalisch das Bild des anbrechenden Tages (ansteigende Melodie = Sonnenaufgang) evoziert, folgen vier Kantaten (Der Tag, Der Mittag, Der Abend, Die Nacht), die stimmungsvoll und bildhaft die Natur und die Atmosphäre der einzelnen Tageszeiten schildern. Jede von ihnen ist gleich strukturiert, mit der Abfolge Arie – Rezitativ – Arie – Chor, trotzdem wirkt jede für sich wie eine freie Meditation über ein Thema, in der stets eine Solostimme mit einem konzertierenden Instrument (Morgen: Sopran & Trompete, Mittag: Alt & Viola da Gamba, Abend: Tenor & 2 Traversflöten, Nacht: Bass & Fagott) zu Wort kommt.

Friedrich Wilhelm Zachariae, der damals dreißigjährige Textdichter der Tageszeiten, schwärmte von dem achtundsechzigjährigen Telemann, der in seinem Spätwerk so empfindsame, bildhafte und unkonventionelle Musik zu komponieren wusste: „Aber wer ist der Greis, der mit leichter Feder, voll vom heiligen Feuer, den staunenden Tempel entzücket? Höre! wie rauschen die Wogen des Meers; wie jauchzen die Berge und das Land des Herrn! […] Telemann, niemand als du, du Vater der heiligen Tonkunst…“

Henning Bey Porträt

Dr. Henning Bey arbeitet seit Oktober 2025 als Promotion Manager Bühne und Orchester beim Carus-Verlag. Vorher war er Künstlerischer Planer beim SWR Symphonieorchester, Chefdramaturg der Internationalen Bachakademie Stuttgart und Dramaturg beim Freiburger Barockorchester. Editionserfahrung sammelte er als Mitarbeiter der Neuen Mozart-Ausgabe in Salzburg.

Georg Philipp Telemann

Zurück Zurück Zurück Weiter Weiter Weiter

Missa brevis zum Weihnachtsfest über "Ein Kindelein so löbelich"

Telemann Missa BrevisTelemanns Missa brevis über das Weihnachtslied „Ein Kindelein so löbelich“ ist eine von elf aus seiner Feder überlieferten lateinischen Kurzmessen über Kirchenliedmelodien.

Zum Shop

Biblische Sprüche 1

Biblische Sprüche 1 Die Biblischen Sprüche haben seit ihrer Veröffentlichung eine außerordentlich breite Resonanz gefunden.

Zum Shop

Ein feste Burg. Vokal- and Instrumentalmusik

Ein feste Burg. Vocal- and instrumental music„… ein wirklich ausgezeichnetes Ensemble, gut geführt durch Holger Speck, der die Tempi weich fließen lässt, die Artikulation ist klar und knackig. Alle Solisten sind erfahren, der Chor ist wunderbar … Was sonst muß gesagt werden, als ‚Mehr Telemann!‘“

Zum Shop

Machet die Tore weit: carus music

Let all the gates be raisedMit carus music, the Choir Coach, haben Sie Ihre Chorwerke immer zum Üben dabei! Auf allen Endgeräten können Sie mit der Chor-App carus music Ihre Notenausgabe zusammen mit einer erstklassigen Einspielung hören und mit einem Coach dabei leicht Ihre eigene Chorstimme üben.

Zum Shop

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlassen Sie uns Ihren Kommentar!

Schreiben Sie einen Kommentar Antwort abbrechen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Unser Carus-Newsletter

Bleiben Sie mit unserem Carus-Newsletter informiert!

Anmelden

Aufführungskalender

  • Peter Schindler / Babette Dieterich
    Zirkus Furioso. Ein Zirkusmusical für alle Kinder unter 100
    04.06.2026
  • Sebastian (Basti) Bund / Michael Sommer
    Der kleine Prinz. Singspiel nach Antoine de Saint-Exupéry
    06.06.2026
  • Peter Schindler
    Perpetuum mobile. Songs from the Codex Buranus
    06.06.2026
» Alle Aufführungen

Neueste Beiträge

  • Banner Koziej Mantra
    Zuzanna Koziej – Gāyatrī-Mantra03.06.2026 - 12:52
  • Banner Spohr Des Heilands letzte Stunden
    Louis Spohr: Des Heilands letzte Stunden05.03.2026 - 15:14
  • Elgar The Dream of Gerontius Banner
    Elgar best practice. The Dream of Gerontius18.02.2026 - 15:24
  • Beethoven 2027 Chor Banner
    Beethoven 2027 – Beethoven-Chöre21.01.2026 - 15:05

Beliebte Schlagwörter

#NeustartChor (8) Abschied (1) A capella (2) Aufführung (2) Bearbeitung (1) Bernius (1) Brahms (3) Bruckner (4) Burgmüller (1) Carus Jubiläum (3) Cherubini (2) chorissimo (3) Dirigenten (3) Dvorák (1) Fanny Hensel (1) Fauré (3) females featured (1) Französische Chormusik (5) Fux (1) Große Werke in kleiner Besetzung (1) Hasse (2) J. Bach (1) Jubiläum (9) Kantate (13) Komponisten (26) Komponistin (11) Kuula (1) Lieblingsschütz (10) Messe d-Moll (1) Missa solemnis (1) Musik und Informatik (2) Oper (7) Orchesterwerke (1) Praetorius (1) Puccini (6) Ravel (2) Scarlatti (1) Te Deum (2) Telemann (3) Verdi (2) Vierne (2) Vivaldi (1) Volkslied (2) W. F. Bach (1) Weihnachten (8)

Kategorien

  • Oper
  • Chorpraxis
  • Persönlichkeiten
  • Chorwerke im Spotlight
  • Musikgeschichten
  • Singen mit Kindern & Jugendlichen
  • Lieblingsstücke
  • Carus-Werkstatt

Beitragsarchiv

Informationen

Direkt zum Carus-Webshop
Datenschutz
Cookie-Erklärung
Impressum

Folgen Sie uns

  • Facebook
  • Instagram
  • YouTube
  • LinkedIn
  • Spotify

Kontaktinfos

Carus-Verlag GmbH & Co. KG
Sielminger Straße 51
70771 Leinfelden-Echterdingen

Telefon: +49 / 711-797 330-0
E-Mail Kundenservice: [email protected]
E-Mail Blog-Team: [email protected]

Link to: Simon Carrington über Haydns Schöpfung Link to: Simon Carrington über Haydns Schöpfung Simon Carrington über Haydns SchöpfungCarrington Link to: Über Veränderungen, Chancen und Herausforderungen – Der Münchner Konzertchor im Interview Link to: Über Veränderungen, Chancen und Herausforderungen – Der Münchner Konzertchor im Interview Münchner Konzertchor© Mirjam HagenÜber Veränderungen, Chancen und Herausforderungen – Der Münchner Konzertchor...
Nach oben scrollen Nach oben scrollen Nach oben scrollen