300 Jahre Matthäus-Passion von J. S. Bach
Ein zeitloses Meisterwerk
Es lohnt sich immer, nicht nur „runde Geburtstage“ einzelner Komponisten zu feiern, sondern auch prominente Werkjubiläen bei der Konzertplanung zu berücksichtigen. Bei Johann Sebastian Bach jähren sich aktuell die Erstaufführungen vieler seiner berühmtesten Werke zum 300 Mal – denn vor 300 Jahren stand der Komponist als frischgekürter und man darf vermuten hochmotivierter Thomaskantor am Beginn seiner wohl produktivsten Schaffensperiode. Meinrad Walter blickt auf die Matthäuspassion, deren Frühfassung wohl auf das Jahr 1727 datiert, im Spiegel ihrer Rezeptionsgeschichte. Denn das Werk faszinierte von Beginn an – und tut es bis heute!
Es gibt zu keinem anderen Werk der Musikgeschichte eine ähnliche Fülle an Kommentaren, mehr wohl als zu Mozarts „Zauberflöte“ oder zu Beethovens „Neunter“. Dies hängt damit zusammen, dass es seit der Mitte des 19. Jahrhunderts „kaum einen Großen der Kunst- und Geistesgeschichte“ gibt, „der nicht ‚sein‘ Erlebnis mit der Matthäus-Passion gehabt hätte“ (Martin Geck). So kann sich etwa Albert Schweitzer Jesu Einsetzungsworte beim letzten Abendmahl „in keinem andern Rhythmus mehr vorstellen“, als in jener hoheitlichen Deklamation, die Bach für den Bass als Vox Christi der Matthäus-Passion gefunden hat. Ähnlich denkt übrigens Bertolt Brecht. Nach Worten seines Freundes Hanns Eisler, der ihm die Passionen am Klavier vorspielte, hat er immer wieder „bewundert, wie großartig Bach Berichte komponieren konnte“.
Lobeshymnen und pointierte Statements
Bachs Musik prägt die Hörenden wie die Spielenden und Singenden. Allen voran die jugendlichen Sängerinnen und Sänger der beiden Choräle „O Lamm Gottes unschuldig“ und „O Mensch, bewein dein Sünde groß“. Viele von ihnen denken vielleicht ähnlich wie Leo, Mark und Finn, die bei einem kleinen Radio-Interview – zwischen Anspielprobe und Konzert mit der Matthäus-Passion – zu Protokoll gaben: „Die Einsätze sind relativ schwierig, aber wenn das Freiburger Münster ganz voll ist, wird das bestimmt etwas ganz Besonderes“; und: „Es ist zwar Nerven fordernd, aber es macht halt Spaß.“
Aus der Perspektive nicht des Singens, sondern des Hörens erinnert sich der Regisseur Jürgen Flimm (geb. 1941) an prägende Erlebnisse. Flimm wollte sogar spontan mitsingen: „Wie gerne hätte ich da oben gestanden, im Knabenchor, der alsbald, als der mächtige Chor mit dem langsamen Klagelied ‚Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen!‘ einsetzte, seine Mäuler wie junge Spatzen aufsperrte und mit vielen hohen Tönen ‚O Lamm Gottes unschuldig‘ sang.“ Beim Weinen des Petrus überkommt ihn das Weinen, sodass die Großmutter ihn beruhigen will: „Das sei doch nur eine Arie, flüsterte sie ihm tröstend ins Ohr. Ihrem Sohn schrieb sie später, wie der Kleine sich aufgeregt habe. Bei der Arie „Erbarme dich“, schrieb Kurt zurück, regen wir uns Gott sei Dank alle auf. Das ist eben Bach.“
Der Pianist und Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil erinnert sich ähnlich an die kindlichen Eindrücke vom portalhaften Eingangschor „Kommt, ihr Töchter“, wenn er schreibt: „Ich wusste nicht, um welche Töchter es sich handeln möchte, und ich begriff erst recht nicht, wie diese Töchter es fertigbringen sollten, die Geduld zu sehen (Sehet – was? seht die Geduld …), doch das alles störte mich nicht. Denn: Die Musik „schob einen vor Himmel und Hölle“.
Kritik am Meisterwerk?
Friedrich Nietzsche hat im Jahr 1870 mehrere Aufführungen in Basel gehört. Sein vielzitiertes Fazit: „Wer das Christentum völlig verlernt hat, der hört es hier wirklich wie ein Evangelium.“ Wer aber konnte es, wenige Jahrzehnte früher, beim Konzert mit den „77 Chören im Lento und Adagio“ einfach nicht mehr aushalten? Das war Clara Schumann geb. Wieck am 9. März 1837. Zum Glück stehen die Tempi, die sie so harsch kritisiert, nicht in Bachs Partitur. Ähnliches gilt für die wohl bekannteste theologische Kritik. Karl Barth meinte dezidiert, dass, was Bach komponiert hat, „bestimmt nicht die Passion Jesu Christi ist“, weil darin „Jesus der Sieger völlig stumm bleibt“. Später erst hat er die Bach’sche Johannes-Passion kennengelernt – und sein zugespitztes Urteil deutlich relativiert.
Den schwersten Stand haben seit der Bach-Renaissance im 19. Jahrhundert die betrachtenden Sätze mit barocker Dichtung. Schon Carl Friedrich Zelter schreibt im Zusammenhang der Berliner Wiederaufführung unter Felix Mendelssohn Bartholdy an seinen Altersfreund Goethe von den „verruchten deutschen Kirchentexten, welche dem polemischen Ernste der Reformation unterliegen, indem sie durch einen dicken Glaubensqualm den Unglauben aufstören, den niemand verlangt“. Doch dieser Qualm hat sich gelichtet, nicht zuletzt dank der „Theologischen Bachforschung“, die vieles stimmig erklären konnte. Ein Standardwerk liegt bei Carus vor: Elke Axmacher, „Aus Liebe will mein Heyland sterben. Untersuchungen zum Wandel des Passionsverständnisses im frühen 18. Jahrhundert.“
Nachdenkliche Trauerarbeit
Dass Bachs Musik „uns erreicht, bewegt, bereichert und zum Nachdenken zwingt“, das war Helmuth Rillings Credo. Der Musikwissenschaftler Martin Geck wiederum hat den Aspekt der „musikalischen Trauerarbeit“ mit der Matthäus-Passion in das vielstimmige Rezeptionskonzert eingebracht. Der Regisseur Peter Sellars spricht von einem „überwältigenden Exerzitium des Mitleidens“, wohingegen Bruno Walter neben der musikalischen Schönheit die „apostolische Erfülltheit“ betont, ohne die das Meisterwerk nicht entstanden wäre.
Insgesamt ergänzen sich die Stimmen der Rezeption über die Epochen hinweg eher zu einem Gesamtbild, als dass sich gegenseitig in Frage stellen würden. Und dem Philosophen Hans Blumenberg dürfen wir zustimmen, wenn er in seinem großen Essay zur Matthäus-Passion schreibt: „Das Hören höret nimmer auf.“ Auch das Werkjubiläum 2027 wird neue rationale, emotionale und spirituelle Impulse des unerschöpflichen Werkes eröffnen.
Prof. Dr. Meinrad Walter ist ein ausgewiesener Kenner im interdisziplinären Gespräch zwischen Musik und Theologie. Er promovierte über Johann Sebastian Bachs geistliche Vokalmusik und war anschließend in Wissenschaft, Journalismus, Musikmanagement und Verlagswesen tätig.
Als Einstimmung eignet sich die Lektüre bisheriger Stimmen zur Matthäus-Passion. Sie sind – mit einer großartigen Einspielung der Musik, einem Statement des Dirigenten Frieder Bernius, einem theologischen Essay von Reiner Marquard und einer Werkeinführung von Meinrad Walter – gesammelt in diesem Carus-Buch: Reiner Marquard und Meinrad Walter: „Johann Sebastian Bach – Matthäus-Passion. Wort//Werk//Wirkung.“











Hinterlasse einen Kommentar
An der Diskussion beteiligen?Hinterlassen Sie uns Ihren Kommentar!