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Haydn Oratorien

Ein „Quellencocktail“

Einblicke in die Editionsarbeit an Haydns Oratorium „Die Jahreszeiten“

04.08.2020/0 Kommentare/in Carus-Werkstatt /von Ernst Herttrich

Worauf bezieht sich eine Urtext-Ausgabe, wenn kein Autograph vorhanden ist? Welche Erkenntnisse lässt der Vergleich verschiedener Quellen zu  – seien es Abschriften oder Drucke, Stimmen oder Partituren? Wo begegnet man immer wieder Fehlern? Der Musikwissenschaftler Ernst Herttrich, der bei Carus u.a. Beethovens Messen in Urtext-Ausgaben vorgelegt hat, zeigt an der Neuausgabe von Haydns Oratorium „Die Jahreszeiten“, was sich aus unterschiedlichen Quellen lesen lässt und warum sich diese Edition an mehreren Quellen orientiert.

Haydns Oratorium Die Jahreszeiten, eines der meistaufgeführten Oratorien, ist quellenmäßig leider nur schlecht überliefert. Wie schon bei Haydns anderem großen Oratorium, der Schöpfung, ist kein Autograph mehr erhalten. Das ist für eine wissenschaftliche Edition immer gewissermaßen der „worst case“, muss man doch davon ausgehen, dass alle nachfolgenden Quellen Fehler enthalten. Während jedoch für die Schöpfung eine von Haydn sorgfältig korrigierte Kopistenabschrift in Partitur vorliegt, ist auch das bei den Jahreszeiten nicht der Fall.

Es gibt drei relevante Quellen:
A. Eine von Haydns Stammkopisten Johann Elßler und Joseph Arthofer angefertigte Partiturabschrift, die aber insofern unvollständig ist, als in ihr die Systeme für Trompeten, Posaunen und Pauken, nicht selten auch die für Klarinette fehlen. Das Manuskript war von vornherein als Dirigierpartitur gedacht, sodass man auf diese Instrumente verzichten konnte. Vorlage war das verschollene Autograph oder eine wiederum nach dessen Vorlage angefertigte weitere Partitur.
B. Ebenfalls von Elßler angefertigte Stimmen, die bei der Uraufführung benutzt wurden. Die Überschriften zu den Einleitungen stammen von Haydn, darüber hinaus nur ganz wenige Eintragungen in verschiedenen Stimmen. Die Stimme für Violine I ist als Direktionsstimme mit Stichnoten eingerichtet. Wie übereinstimmende Lesarten beweisen, muss als Vorlage dieselbe Handschrift wie für Quelle A gedient haben.
C. Der 1802 beim Verlag Breitkopf & Härtel erschienene Erstdruck. Die Ausgabe erschien in zwei sich unterscheidenden Auflagen, die eine mit unterlegtem französischen, die andere mit unterlegtem englischem Text. Stichvorlage war eine handschriftliche Partitur, die aber nicht identisch mit der Vorlage für die Quellen A und B gewesen sein kann.

Die Editionserfahrung lehrt, dass Autographe – erstaunlich genug – in der Regel kaum Fehler im eigentlichen Sinn aufweisen, allenfalls vielleicht nachlässig bei Bogensetzung, dynamischer Bezeichnung und dergleichen sind, dass dagegen nachfolgende Quellen, gleichgültig ob Handschriften oder Drucke nie, wirklich nie fehlerlos sind. Weder sind das die Schreiber oder Notenstecher noch sind das die Komponisten in ihrer Eigenschaft als Korrekturleser. Jeder, der selbst schon einmal in der Situation war, eigene Texte Korrektur lesen zu müssen, weiß, dass die Fehlerquote dabei recht hoch ist. Haydns Durchsicht der handschriftlichen Uraufführungsstimmen kann nicht besonders sorgfältig gewesen sein, denn es ist darin doch eine ganze Reihe von eindeutigen Fehlern stehen geblieben. In T. 11f. der Ouvertüre ist z.B. in der Stimme für Fagott II das col Basso fortgesetzt, obwohl die Bläser ab diesem Takt eindeutig pausieren.

Keine fehlerfreien Quellen

Keine der drei aufgeführten Quellen ist also auch nur annähernd fehlerlos, am wenigsten Quelle A, die eine Orientierungshilfe für den Dirigenten sein sollte, aber eben gar nicht dafür gedacht war, einen zuverlässigen Notentext zu bieten. Es war wichtig, dass z.B. der Paukenschlag genau notiert war, der in Simons Arie Nr. 26 (T. 61) den Knall des Schusses nachmalt, es war aber – nach damaligem Verständnis – nicht so wichtig, dass einzelne dynamische, artikulatorische oder phrasierungstechnische Angaben genau wiedergegeben waren. Alle drei Quellen weichen in diesen Kategorien in zahllosen Einzelheiten voneinander ab.

Haydn: Die Jahreszeiten, Erstdruck

Titelseite des Erstdrucks des Oratoriums von 1802

Haydns große Oratorien

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Haydn: Die Jahreszeiten

Haydn: Die JahreszeitenHaydns großes Alterswerk in einer modernen Urtext-Ausgabe. In kompositorischer Hinsicht knüpft Haydn in den Jahreszeiten vielfach an Formelemente aus der Schöpfung an, führt diese aber zugleich in eigenständiger, innovativer Weise weiter. So zeigt sich hier eine Frische und kreative Gestaltungskraft, die derjenigen in der Schöpfung in nichts nachsteht.

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Haydn: Die Schöpfung

Haydn: Die Schöpfung

Auf der Grundlage des Partitur-Erstdrucks von 1800 (von Haydn im Eigenverlag veröffentlicht), der mit weiteren relevanten Quellen verglichen wurde, bietet Carus einen Notentext auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand. Über alle wichtigen Daten zur Edition informiert der Kritische Bericht in praxistauglicher, kompakter Form. Ein ausführliches Vorwort vermittelt Einsicht in Werkentstehung, -aufbau und -rezeption und beleuchtet kompositorische und theologisch-geistesgeschichtliche Aspekte.

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Da außerdem das Autograph als unverzichtbares Regulativ fehlt, ist die Quellensituation für einen Herausgeber eine denkbar schwierige. Die bisherigen relevanten Ausgaben gehen denn auch sehr unterschiedliche Wege: Die alte Gesamtausgabe (der Band mit den Jahreszeiten erschien 1922) legte als Hauptquelle den Erstdruck zu Grunde, die neue Gesamtausgabe (der Band mit den Jahreszeiten erschien 2007) dagegen die handschriftlichen Quellen, die für die Uraufführung hergestellt wurden. Andere neuere Ausgaben stützen sich wieder mehr auf die Erstausgabe.

Ein „Quellencocktail“

Normalerweise gilt als Regel für eine wissenschaftliche Edition, dass eine bestimmte Quelle als Grundlage zu dienen habe und man sich davor hüten solle, sich bei einer Stelle nach Quelle A, bei einer anderen nach Quelle B zu richten, d.h. eine Art „Quellencocktail“ herzustellen. Dennoch habe ich mich bei der Edition dazu entschlossen, zwar einerseits die Uraufführungsstimmen, Quelle B, als Hauptquelle zu Grunde zu legen, andererseits aber abweichende Lesarten in der Erstausgabe zu berücksichtigen. Der Hauptunterschied zwischen dem Druck und den Handschriften besteht darin, dass der Druck häufig dynamische und artikulatorische Bezeichnungen aufweist, die in den beiden Quellen A und B fehlen. Nun hat Haydn seine Werke in dieser Hinsicht tatsächlich ziemlich sparsam ausgestattet und die Bezeichnung in der Erstausgabe geht vielleicht etwas über Haydns übliche Gepflogenheiten hinaus. Andererseits enthält sie Angaben, die ihrerseits wiederum eine solche Eigenständigkeit aufweisen, dass man sich kaum vorstellen kann, ein Stecher jener Zeit hätte sie eigenmächtig „erfunden“. Es bleibt nur der Schluss, dass Haydn selbst solche Ergänzungen vorgenommen hat.

Eine Paradestelle ist etwa im Schlusschor des „Herbst“-Teils die Artikulation der beiden Violinen in T. 184-187: In den beiden handschriftlichen Quellen sind die Violinen unbezeichnet, im Erstdruck dagegen mit eine sehr speziellen legato-staccato-Artikulation versehen, die das Ganze belebt. Da in den Chorstimmen an dieser Stelle nicht viel passiert, eine willkommene Bereicherung, die durchaus auf Haydn zurückgehen könnte. Die Lesarten in den Quellen A und B dürften im Allgemeinen eine etwas größere Nähe zu Haydn haben, die im Erstdruck stellen aber teilweise vielleicht eine Art „Fassung letzter Hand“ dar.

Die Carus-Edition

In der neuen Carus-Urtextausgabe wurden artikulatorische Angaben, die sich nur im Erstdruck finden, grafisch abgesetzt, sodass die Quelle erkennbar ist. Für die praktische Aufführung sind damit die vermutlich authentischen Artikulationsvorgaben ersichtlich. Das Aufführungsmaterial ist außerdem so eingerichtet, dass verschiedene originale Besetzungsvarianten problemlos realisiert werden können.

Haydn: Herbst
Haydn: Herbst
Haydn: Herbst
Haydn Herbst Carus
Haydn Herbst Carus

Lebendige Ausdifferenzierung: In den Violinstimmen (die ersten beiden Systeme) im Erstdruck sind deutliche Artikulationszeichen vermerkt.

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