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Chorsingen – gemeinsam sind wir stark

Auch in Zeiten von Corona!

Gemeinsam singen auch in Zeiten von Corona – das ist das erklärte Ziel von Chorleiter Michael Reif. Wie er das geschafft hat, und mit welchen Herausforderungen er unter diesen besonderen Umständen zu kämpfen hatte (und hat!), erläutert er in seinem ersten Beitrag zum CARUS Blog.

In diesem Beitrag möchte ich Ihnen einige meiner Erfahrungen als Chorleiter während der Corona Pandemie schildern. Ich liebe meine Arbeit und bin fest entschlossen, dem Chor-Shut-Down die Stirn zu bieten und mit Humor, Lust und Fantasie Möglichkeiten zu suchen, aktiv und hoffnungsvoll mit meinen Chören in die Zukunft zu blicken und zu arbeiten.

Der Shut-Down

Zunächst ein Blick zurück: Der 1. März 2020 war für mich und die KÖLNER KURRENDE ein ganz besonderer Tag, denn das Jubiläumsjahr zum 50-jährigen Bestehen des Chores wurde mit einem ausverkauften Konzert in der Kölner Philharmonie eröffnet. Das Konzert war ein ganz großer Erfolg für den Chor. Publikum, Presse und das eigene Empfinden sagten einmütig: Es war klasse! Die ca. 2000 Besucher standen dicht an dicht beim Schlussapplaus und Chor, Kinderchor, Solisten und Orchester waren glücklich und standen beim anschließenden Empfang eng gedrängt im Künstlerfoyer. Zu diesem Zeitpunkt ahnte niemand, dass unser Chorkonzert eines der letzten für das nächste halbe Jahr in der Kölner Philharmonie sein sollte. Niemand hatte damals ein Gefühl von zu viel Nähe, oder gar Angst vor Ansteckung mit Covid-19.

Doch das sollte sich schnell ändern. Die Corona-Pandemie machte eine Einschränkung des öffentlichen Lebens notwendig, Chorproben und Konzerte wurden eingestellt. Für viele Chöre und ihre Chorleiterinnen und Chorleiter bedeutete dies das abrupte Ende der künstlerischen und pädagogischen Arbeit. Als Folge wurden geplante Konzerte und Veranstaltungen rund um den Erdball verschoben oder abgesagt. Schreckensnachrichten von Chorveranstaltungen und folgenschweren Erkrankungen der Sängerinnen und Sänger, des Publikums und von Chorleiterinnen und -leitern machten sehr schnell die Runde, ließen ein Klima der Angst entstehen und suggerierten: Chorsingen ist gefährlich!

Mir war sehr schnell klar, dass ich in dieser Situation meine Chormitglieder nicht allein lassen durfte. Ich bin es gewohnt, als Ansprechpartner in künstlerischen Fragen da zu sein, als Dirigent die aufführungspraktischen Fragen zu lösen und bei allen Fragen zu Proben und Besetzung Entscheidungen zu treffen. Ich musste auch in Corona-Zeiten Lösungen finden!

Die Probenarbeit geht weiter

Bevor die erste Frage aus dem Chor gestellt wurde, wie es denn weiter ginge, hatte ich mir meine persönliche Antwort gegeben: Ich möchte auch während der Pandemie mit meinem Chor arbeiten, nicht zuletzt, weil wir alle ein gemeinsames Ziel haben: Am 22. November 2020 soll in der Kölner Philharmonie das 2. Jubiläumskonzert stattfinden! Werke von Penderecki, Beethoven und eine Auftragskomposition von Stefan Heucke zum Jubiläumsjahr stehen auf dem Programm. Die Motivation des Chores ist riesig. Alle signalisieren mir, dass sie Lust auf die intensive Arbeit und die spannende Auseinandersetzung mit den neuen Werken (der Beethoven kommt aus dem Hause Carus) für das 2. Philharmoniekonzert haben.

Mein erster Schritt, um die Probenarbeit nicht zu unterbrechen, war folgender: In kürzester Zeit spielte ich Übeschleifen ein, gab darauf auch Hinweise zum formalen Aufbau, formulierte klangliche Vorstellungen, warnte vor schweren Intervallen, erklärte, scherzte und verhielt mich so, als wäre mein Chor (bei der Aufnahme) dabei.

N.B.: Bei meinen Chorsänger*innen waren Übeschleifen schon vor Corona bekannt und wurden vielfältig zum Üben genutzt – oder immer ignoriert.

Somit war gewährleistet, dass jedes Chormitglied erst einmal weiterarbeiten und -singen konnte.

Auszug aus einer „Übeschleife“, die Michael Reif den Chorsänger*innen zur Verfügung stellte.

Digitale Proben sollten sich in den folgenden Wochen als wichtiger regelmäßiger Bestandteil der Chorarbeit entwickeln und zu einem wöchentlichen „Treff“ der Chormitglieder werden. Der Anfang war spannend: Wie üblich erstellte ich meine Probenpläne mit Probendisposition, Zeiten und Inhalten, schickte sie allen zu und lud zur 1. digitalen Chorprobe ein.

Die Spannung war groß und meine Erfahrung mit dem digitalen Medium noch recht klein. Mir kam zugute, dass der digitale Unterricht an der Hochschule gleichzeitig anlief und wir dort sehr offen verschiedene Programme und Nutzungen ausprobierten, manches verwarfen und einen positiven Umgang mit dem digitalen Medium suchten. Sehr schnell tauschten wir unter Kolleg*innen Erfahrungen aus. Eine niederschmetternde Erkenntnis teilten alle: Digitale Proben können die Sehnsucht nach gemeinsamem Klang und differenziert hörender Arbeit nicht stillen. Entweder konnte man nie zusammen musizieren, oder der technische Aufwand war schlicht zu groß.

 

CD Hallelujah

Mit dem Europäischen Kammerchor hat Michael Reif die CD Hallelujah – Gospels und Spirituals für gemischen Chor bei Carus vorgelegt. Neben Klassikern (Go down Moses, Kumbaya, Good news, Nobody knows the trouble I’ve seen) sind auf der CD auch einige Entdeckungen aus den Anfängen der Spirituals zu hören!

Für meine weitere Chorarbeit musste ich einen Ausgangspunkt finden, der die Arbeit mit dem Medium sinnvoll macht. Ich entschied mich für das Programm ZOOM, mit dem wir alle einfach und verlässlich arbeiten konnten, und über das alle Sängerinnen und Sänger mit normalem technischem Equipment verfügen konnten.

Die erste ZOOM-Probe war ein Ausprobieren des neuen Mediums: Spannend, dass man vom Leiter „zu der Probe eingelassen“ wird. Dann ein Erklären der Anwendung, der Weg zu besserem Klang auf dem heimischen Computer, Erläuterungen dazu, wie Mikrofon und Lautsprecher etc. funktionieren – und neben allen technischen Fragen natürlich ein genereller Austausch zur Situation. Die Zeit verging wie im Fluge und alle freuten sich auf die nächste gemeinsame Probe.

In den folgenden Tagen und Wochen entwickelte ich mit Studentinnen und Studenten weitere Methoden zur digitalen Probe, um zu einem fantasievollen Umgang mit dem digitalen Medium zu gelangen. Wir entdeckten: Hören und Singen bekommen ein digitales Pendant, nämlich Mikrofon und Lautsprecher. So wie Singen und Hören zusammen und einzeln eingesetzt werden können, so können auch Mikrofon und Lautsprecher einzeln und zusammen ein- bzw. ausgeschaltet werden. Das war der Ausgangspunkt für weitere Möglichkeiten, die digitale Probe vielfältiger nutzen zu können, mehr Abwechslung in den Ablauf zu integrieren und technische und methodische Möglichkeiten zu kombinieren. Die zweite ZOOM-Probe war daraufhin in Stimmgruppen aufgeteilt und ermöglichte eine intensive Arbeit an dem neuen modernen Werk.

Digitale Chorprobe mit ZOOM

Ab der dritten ZOOM-Probe war klar:

  • Singen vor dem Computer braucht eine besondere Achtsamkeit auf den Körper.
  • Das Einsingen ist ein Muss am Anfang der Probe.
  • Das Bewusstmachen und Öffnen der Resonanzräume ist in der digitalen Probe noch wichtiger als in der Präsenzprobe.
  • Alle Probenabschnitte müssen vorher (!) gut geplant und vorbereitet sein.
  • Notenmaterial muss digital vorhanden sein.
  • Der Leiter muss das Programm beherrschen (Fortbildungsmöglichkeiten nutzen) und die verschiedenen Anwendungen sicher bedienen können.
  • Ein Moderator, der das Programm steuert ist ideal und weniger anstrengend, aber meistens nicht verfügbar.
  • Behalten Sie Ruhe und Übersicht!
  • Reagieren Sie mit Humor, wenn etwas mal nicht klappt,
  • dann machen ZOOM-Proben Spaß,
  • und dann können ZOOM-Proben sehr effektiv sein.
  • Regelmäßige ZOOM-Proben helfen, die Chorarbeit weiter zu führen.
  • Regelmäßige ZOOM-Proben bedeuten den Chorsänger*innen viel und können auch nach der eigentlichen Probe weiter gestaltet werden. Wir haben z.B. einen Kölschumtrunk nach der Probe eingerichtet.

Ausblick

Ich danke allen Chorsänger*innen, dass Sie sich auf die digitale Arbeit eingelassen und so positiv auf die neue Art der Proben reagiert haben. Ich danke allen Student*innen für die vielen kreativen Momente, fantasievollen Ideen und methodischen Erfindungen, die unsere Arbeit reicher und interessanter gemacht haben.

Chorsingen ist wunderbar und bedeutet uns allen so viel. Viele Chormitglieder behaupten immer wieder, Chorsingen mache glücklich und baue ihren Stress sofort ab, selbst wenn der Chorleiter mal stresst. Chorsingen lässt das Individuum bedeutsam sein und gleichzeitig im gemeinsamen Klang verschmelzen.

Zum Schluss noch ein Blick in die nahe Zukunft: Am 22. November 2020 findet das 2. Konzert zum 50-jährigen Jubiläum der Kölner Kurrende statt. Wir müssen jetzt alle Planungen über Bord werfen, denn voraussichtlich werden dann zwar wieder Konzerte in der Kölner Philharmonie mit Publikum stattfinden können, aber nicht mit großem Orchester und Chor auf der Bühne.

Wieder heißt es: Das Problem fantasievoll lösen und ein geeignetes Konzertprogramm entwickeln. Vielleicht wählen wir ein Werk mit reduzierter Orchesterbesetzung; gerade eben habe ich im Carus-Newsletter von den „Großen Werken in kleiner Besetzung“ gelesen… Auf jeden Fall freue ich mich darauf – den guten digitalen Erfahrungen zum Trotz – meinen Chor bald wieder leibhaftig vor mir zu haben und mit den Menschen ganz altmodisch analog zu musizieren!

2 Antworten
  1. Paul
    Paul sagte:

    Dies ist wirklich eine äußerst optimistische Sichtweise. Was stimmt: im Vergleich zu vor ein paar Jahren, als es die Technik noch nicht gab, sind die heutigen Möglichkeiten ein Segen.
    Doch was man nach einigen Monaten sagen kann: besser als nichts, aber nicht für viel mehr geeignet als um (mehr schlecht als recht) eine vorübergehende Situation zu überbrücken.

    Wir selbst und viele andere Chöre haben es im wesentlichen genau wie Herr Reif gemacht. Die Erfahrungen sind recht ernüchternd. Einiges funktioniert ganz gut, der überwiegende Teil dessen, was einen Chor ausmacht, funktioniert aber nicht. Und kaum etwas funktionert so, dass es auf längere Zeit wirklich Spaß machen würde.

    Antworten
  2. Horst Hinze
    Horst Hinze sagte:

    Eine sehr idealistische Sichtweise, lieber Herr Reif! Es ehrt Sie, dass sie versuchen, die Situation möglichst positiv darzustellen und Zoomproben in ein positives Licht zu rücken. Ich habe auch Zoomproben mit meinen Chören veranstaltet und kann sagen, dass niemand wirklich glücklich war mit dieser rein virtuellen Alternative.

    Schon jetzt ist in unseren Chören durch die Corona-Maßnahmen unserer Regierungen unfassbar viel zerstört worden, teilweise irreparabel, dass einem nur noch die Tränen kommen können!

    Man kann nur hoffen, dass dieser kafkaeske Albtraum bald ein Ende findet!

    Antworten

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