In anderer Gestalt

Verwandlungspraxis in J. S. Bachs Werk

Ist es nicht erstaunlich: Dass die Oratorien und Messen Johann Sebastian Bachs zu einem guten Teil auf Parodie beruhen, ursprünglich auf einem ganz anderen Text komponiert wurden, hat der Faszination, die diese Werke ausüben, nichts genommen. Natürlich, wenn nach den einleitenden Paukenschlägen, die uns allen vom Weihnachtsoratorium so  vertraut sind, der Chor plötzlich „Tönet, ihr Pauken“ singt, fällt es uns wie Schuppen von den Augen – und trotzdem bleiben für uns jene Paukenschläge eng verbunden mit der weihnachtlichen Aufforderung „Jauchzet, frohlocket“; nicht nur, weil wir es so schon immer kennen, sondern auch, weil es losgelöst von jener allzu offensichtlichen bildhaften Umsetzung als nachdrückliche, „einhämmernde“ Aufforderung an künstlerischem Wert vielleicht sogar gewonnen hat.

Eine musikalische Reise zu den Vorlagen jener berühmten Großwerke ist immer spannend und erhellend. Dabei muss man nicht unbedingt auf jene, in ihrer Poesie oft eher bescheidenen Geburtstagskantaten zurückgreifen. Bach verwendet in seinen Messen viele Teile aus eigenen geistlichen Vokalwerken – sowohl die sogenannten „lutherischen Messen“ BWV 233–236 (Carus 31.233, 31.234, 31.235, 31.236), als auch Bachs „opus ultimum“, die h-Moll-Messe. Während Bachs lutherische Messen eher selten aufgeführt werden, mancher Satz vielleicht in seiner Kantaten-Urform heute sogar bekannter ist als in der verwandelten Form als Messsatz, verhält es sich bei der h-Moll-Messe genau andersherum: Während die h-Moll-Messe zu den meistgespielten Werken Bachs gehört, fristen viele ihrer Vorlagen heute ein Schattendasein. Dabei kann man Bachs Auswahl für die Wiederverwendung in der h-Moll-Messe durchaus auch als Ratgeber ansehen, um in der Fülle seiner Kantaten das ganz Besondere zu finden; seit langem wird nämlich vermutet, dass Bach in seinem opus ultimum das Beste seiner Kirchenmusik vereinen und vielleicht auch in einen überkonfessionellen Kontext stellen wollte. Übernahmen bzw. Parallelbearbeitungen gibt es aus BWV 11 (Agnus Dei), BWV 12 (Crucifixus), BWV 29 (Gratias), BWV 46 (Qui tollis), BWV 120 (Et expecto), BWV 171 (Patrem omnipotentem) und BWV 215 (Osanna). Den Hörer lässt das Bekannte in anderem Gewand im Konzert ebenso aufhorchen wie die Chorsänger*innen in der ersten Probe!

Johann Sebastian Bach

h-Moll-Messe

Carus 31.232

Neben diesen Übernahmen aus dem Kantatenwerk speist sich Bachs h-Moll-Messe bekanntlich in Teilen auch aus bereits vorhandenen Ordinariumsteilen: der Missa von 1733 und dem auch als Einzelwerk großartigem Sanctus von 1724 (auf der Carus-CD der h-Moll-Messe ist auch diese, in zahlreichen Details abweichende Fassung des Sanctus eingespielt; die Noten sind ebenfalls erhältlich. Ehe Bach die Missa um 1748 zum ersten Teil der h-Moll-Messe machte, zweigte er Anfang der 1740er Jahre noch eine lateinische Weihnachtsmusik ab: Die – wie sollte es bei der Grundlage anders sein – großartige und viel zu selten zu hörende Kantate Gloria in excelsis Deo BWV 191 (Carus 31.191) mit einer direkten Übernahme und zwei lateinisch-lateinischen Parodien von Sätzen aus dem Gloria der h-Moll-Messe.

Bachs Parodiepraxis lenkt aber nicht nur unseren Blick auf besondere Kostbarkeiten in seinem Kantatenwerk, sondern dient auch als Mittel, um verschollene Kompositionen wiedererstehen zu lassen. Dabei macht man sich zunutze, dass Bach bemüht war, sich Parodietexte für seine vorhandenen Kompositionen maßgeschneidert anfertigen zu lassen – und in Christian Friedrich Henrici alias Picander (1700 –1764) hatte er einen Meister dieser Art zu dichten gefunden. Da diese Parodietexte in ihrem Versmaß und Aufbau den ursprünglichen exakt gleichen sollten, kann man heute am Versbau einer Dichtung u. U. erkennen, welches das zugrunde gelegte Musikstück war. Dazu gibt es nun allerlei Theorien und Thesen, aber es lassen sich auch eine ganze Reihe eindeutiger Parodiebeziehungen feststellen, an denen heute niemand mehr zweifelt.

Johann Sebastian Bach

h-Moll-Messe

CD Carus 83.314

 

 

Zu den verschollenen Kompositionen Bachs, die sich so teilweise wiederherstellen lassen, gehört die Markus-Passion BWV 247. Von der Passion selbst ist nur der Text überliefert, doch gleich mehrere Sätze zeigen eine solche Ähnlichkeit zu Sätzen der „Trauerode“ BWV 198, dass fast zweifelsfrei feststeht, dass die entsprechenden Sätze auf jener Vorlage beruhen. Zwei weitere Sätze kann man noch aus anderen Kantaten rekonstruieren und für die (zahlreichen) Choräle lassen sich ebenfalls Sätze in Bachs OEuvre finden. Der Passionsbericht aber – das Zentrum der Passion – ist verschollen und lässt sich nicht wiederherstellen. Doch gerade hier lohnt auch der Blick auf die Vorlage. Die „Trauerode“ ist vollständig überliefert und gehört nicht nur in der Qualität der Einzelsätze, sondern gerade auch als geschlossenes Ganzes mit den exquisit besetzten und nicht in die Passion übernommenen Accompagnati zu den herausragenden Vokalwerken J. S. Bachs. Es ist eine seiner farbenreichsten und eindrücklichsten Kompositionen überhaupt, geprägt vom Klang der Gamben und Lauten sowie der Holzbläser, besonders der Flöten – bis hin zu den Totenglöcklein in Flöten und pizzicato-Streichern im Alt-Accompagnato. Und kaum eine andere Kantate kann mit drei so großartigen und unterschiedlichen Chorsätzen aufwarten: dem Eingangs-Tombeau in punktierten Rhythmen, einer großen Chorfuge in der Mitte und dem einzigartigen, tanzliedhaften Schlusschor mit den immer wieder überraschenden Chorunisoni. Gottesdiensttauglich ist der Text Johann Christoph Gottscheds auf den Tod der Kurfürstin Christiane Eberhardine zwar nicht, doch steht er auf einer anderen literarischen Stufe als manch eine Geburtstagskantate und eignet sich jederzeit für eine Konzertdarbietung. Auch hier also ein Plädoyer für eine Wiederbelebung der Vorlage!

Dr. Uwe Wolf leitet seit Oktober 2011 das Lektorat des Carus-Verlages. Zuvorwar er über 20 Jahre in der Bachforschung tätig. Seiner Arbeit als Editionsleiter der Ausgewählten Werke verdanken wir auch, dass Gottfried August Homilius heute nicht mehr zu den unbekannten Komponisten zählt.

Verwandlungspraxis in Bachs Œuvre

Tilge, Höchster, meine Sünden

J.S. Bachs Bearbeitung von Pergolesis Stabat Mater ist von hohem Interesse und Wert: wir haben kein weiteres Beispiel, das uns Bachs Bearbeitungstechnik bei solchen Kompositionen aufzeigt.

Missa in g

Neben der h-Moll-Messe existieren von Bach bekanntlich vier weitere, kleinere Messkompositionen, die sog. Lutherischen oder Kyrie-Gloria-Messen. Trotz ihrer hohen musikalischen Qualitäten, stehen sie oft im Schatten anderer Kirchenwerke Bachs.

Das geistliche Vokalwerk

Bach vocal Zum Abschluss des Projekts Bach vocal haben wir im Reformationsgedenkjahr Johann Sebastian Bachs geistliche Vokalmusik in einer hochwertigen Gesamtedition vorgelegt.

Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen

Die außerordentlichen musikalischen Ambitionen der ersten Weimarer Kantaten mögen nicht zuletzt darin begründet sein, dass sich Bach Hoffnungen auf die Nachfolge Dreses als Hofkapellmeister machte.

Messe in h-Moll – Carus Choir Coach

Eine Aufführung der h-Moll-Messe ist ein Highlights eines jeden Sängerleben“. Hoch sind aber freilich auch die Ansprüche an den Sänger, mal überaus virtuos, mal harmonisch komplex.

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