Das Singen ist der Kern, unsere Mission bei Carus

11 Fragen an Kinderarzt & Verleger Johannes Graulich

Seit seinem Einstieg in das elterliche ­Unternehmen im Jahr 2001 prägt ­Johannes Graulich, der zuvor die medizinische Laufbahn eingeschlagen hatte, den Carus-Verlag. Wir sprachen mit ihm über Herzensprojekte und Meilensteine in der Geschichte von Carus.

1. Sie waren Kinderarzt an der renommierten Berliner Charité, bevor Sie 2001 zu dem von Ihren Eltern gegründeten Carus-Verlag wechselten. Das ist eine wirklich ungewöhnliche Veränderung.

Ja, die Anfrage meiner Eltern kam für mich damals überraschend. Nach vielen Jahren in der Medizin war ich bereit, eine neue Aufgabe zu übernehmen. Musik, und gerade die Chormusik, hatte es mir zeitlebens angetan, insofern war es kein kompletter Neustart. Und mit Carus war ich quasi in der Familie groß geworden.

2. Im Jahr 2009 startete Carus gemeinsam mit dem SWR das Liederprojekt – ein Benefizprojekt, das sich dem Singen mit Kindern widmet. Vermutlich für Sie als Kinderarzt eine Herzensangelegenheit?

Weil Singen und aktives Musizieren gesundheitlich so wichtig ist, war es mir als Kinderarzt ein besonderes Anliegen, das Singen mit Kindern gezielt zu fördern. Wie viele Studien gezeigt haben, stärkt das Singen das Gemeinschaftsgefühl und das Selbstvertrauen. Singen fördert neben Sprache und Artikulationsvermögen auch die künstlerische Ausdrucksfähigkeit – und hebt die Stimmung!

Durch die Corona-Pandemie hat das Thema noch einmal an Aktualität gewonnen, es fiel das gemeinsame Singen – neben vielem anderen – über Nacht weg. Viele Kinder haben durch die Pandemie Schaden genommen. Freie Zeit wird meist mit ­digitalen Medien gefüllt, statt mit „echtem Erleben“. Eine Entwicklung, die mir Sorgen bereitet. Was könnte besser geeignet sein, Kinder gleichermaßen kognitiv, emotional, musisch wie sozial zu fördern, als das Singen und aktive Musizieren mit anderen Kindern? Leider ist die Situation in vielen Chören, insbesondere Kinder- und Jugendchören, beängstigend, wie wir in der von Carus mit-initiierten ChoCo-Studie 2021 zur Situation der Chöre in Zeiten von Corona herausarbeiten konnten. Es sollte nach Ende der Pandemie rasch gelingen, vielen Kindern wieder ein gutes Chorangebot zu machen.

Dr. Johannes Graulich (*1967) absolvierte ein Medizinstudium an der Freien Universität Berlin und der University of Washington / USA und die anschließende Facharztausbildung als Kinderarzt an der Berliner Charité. 2001 trat er in den Carus-Verlag ein, seit 2003 ist er Geschäftsführender Gesellschafter. Er ist u.  a. Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin sowie Direktoriumsmitglied der Neuen Bach Gesellschaft und engagiert sich u.  a. bei der VG Musikedition, dem Deutschen Musikverleger-Verband und der GEMA.

3. Spielt Musik für Kinder seit Ihrer Geschäftsführung eine größere Rolle?

Musik für Kinder war bei Carus eigentlich immer ein ­Thema. Für Carus sehe ich da eine zentrale Aufgabe. Seit 20 Jahren hat sich die Landesmusikakademie Ochsenhausen zu einem wertvollen Impulsgeber und Partner ­entwickelt. In der Zusammenarbeit entstand unsere mehrteilige Schulchorbuch­­reihe chorissimo!, die das Singen in Schulen unterstützt – vom einstimmigen Singen im Kindergarten über beginnende Mehrstimmigkeit in Grundschulchören bis zu leistungsfähigen Chören in weiterführenden Schulen. Auch für Kinderchöre in Kirchengemeinden haben wir erfolg­reiche Angebote geschaffen, wie etwa das ­Freiburger Kinderchorbuch, das in zwei Bänden vorliegt. Außerdem sehe ich da unsere Bestrebung, für Kinderchöre und Jugendchöre attraktives Repertoire anzubieten, indem wir mit vielseitigen Komponist*innen zusammenarbeiten, etwa dem Berliner Komponisten Peter Schindler, der seine Werke bei Carus verlegt.

4. Im Jahr 2017 wurde das Projekt „Bach vocal“ bei Carus abgeschlossen, die Gesamtedition von Bachs geistlichen Vokalwerken. Dies war vermutlich eines der größten ­Editionsprojekte des Verlags?

Das geistliche Vokalwerk von Johann Sebastian Bach ist so umfangreich, dass es für Carus eine Herausforderung war, sein Œuvre in neuen Urtext-Ausgaben herauszugeben, die dem Stand der heutigen Bach-Forschung entsprechen. Und mit der Dirigierpartitur allein ist dies nicht getan, denn zu jedem Werk erscheint das komplette Notenmaterial für alle
an einer Aufführung mitwirkenden Musiker*innen.

Dabei sind wir gerade in diesem Bereich der wissenschaftlich-kritischen Musikedition besonders erfahren; die Vokalkompositionen von Komponisten aus fünf Jahrhunderten liegen bereits in modernen Urtext-Editionen bei Carus vor. Ich denke da an Vokalwerke von Monteverdi, Schütz, Mozart, Haydn, Brahms, Mendelssohn, Schubert, Fauré, Puccini, Verdi. Aber das Bach-Projekt hatte schon allein wegen Bachs umfassendem Kantatenschaffen mit ca. 200 überlieferten Kantaten eine ganz neue Dimension. Denn ständig bringt die rege Bach-Forschung neue Erkenntnisse hervor und Editionen müssen daraufhin angepasst werden. Hier haben wir von der intensiven und langjährigen Kooperation mit dem internationalen Zentrum der Bach-Forschung, dem Bach-Archiv in Leipzig, profitiert.

Nicht nur in Sachen Bach war es für Carus ein großer Glücksfall, dass es uns 2011 gelungen ist, einen der ­führenden Bach-Forscher des Bach-Archivs, Dr. Uwe Wolf, nach Stuttgart zu holen. Er ist seit 2011 Cheflektor bei Carus, in der Nachfolge meines Vaters Günter Graulich.

Das LIEDERPROJEKT

  • Über 250.000 verkaufte Liederbücher
  • www.liederprojekt.org – kostenloses Liedarchiv zu über 630 Liedern
  • 11 hochwertige Liederbücher mit Mitsing-CDs, 14 Chorbücher, 23 CD-Editionen, 7 Klavier- /Musizierbände
  • Einspielungen von über 100 Sänger*innen sowie zahlreichen Kinder- und Erwachsenenchören und Instrumentalist*innen
  • Bislang über 465.000 Euro an Spenden für ­Projekte, die das Singen mit Kindern fördern

Der Berliner Komponist Peter Schindler – seine Kompositionen für Kinder- und Erwachsenenchor sind echte Klassiker im Carus-Katalog.

5. Sie haben das CD-Label Carus weiter ausgebaut. Was waren Ihre strategischen Überlegungen dafür?

Immer wieder stoßen wir bei unseren Recherchen auf unbekannte, aber exzellente Chorwerke von Komponist*innen, die zu Unrecht nicht aufgeführt werden; beispielsweise von Lili Boulanger, Louis Spohr, Jan Dismas Zelenka und Gottfried August Homilius. Letzterer, Schüler von ­Johann Sebastian Bach und Kreuzkantor in Dresden, hat ein beeindruckendes Motetten- und Kantatenschaffen hinterlassen, das aber kaum bekannt war. Nachdem wir diese ­hochinteressanten Werke in kritischen Ausgaben verlegt hatten, wunderten wir uns, warum Homilius dennoch kaum aufgeführt wurde. Es waren dann mehrere Einspielungen, die diesen Werken in Verbindung mit den Carus-Notenausgaben zum Durchbruch verholfen haben, allen voran die Interpretation seiner Motetten durch Frieder Bernius.

Ein weiterer Schwerpunkt waren große Gesamteinspielungen, wie die Aufnahme aller geistlichen Chorwerke von Felix Mendelssohn Bartholdy mit Bernius’ Kammerchor Stuttgart und die Gesamteinspielung aller Werke von Heinrich Schütz mit dem Dresdner Kammerchor unter Hans-Christoph Rademann. Neben den Hauptwerken, die viel musiziert werden, gibt es wirkliche Entdeckungen von Werken, die noch weitgehend unbekannt, aber von vergleichbarer Qualität sind. Gerade dieser Anspruch unterscheidet Carus von anderen Verlagen: Wir konzentrieren uns nicht nur auf Notenausgaben der bekannten Spitzenwerke, sondern zeigen die ganze Breite der vokalen Kompositionen der letzten Jahrhunderte – und wollen diese auch hörbar machen.

Hier ahnte noch niemand, welche Erfolgsgeschichte das ­LIEDERPROJEKT nehmen würde: Die Wiegenlieder-Vorstellung auf der Frankfurter Buchmesse 2009 mit zahlreichen Projektbeteiligten, hinten 3. von links der Sänger und Initiator Cornelius Hauptmann, rechts neben ihm Frank Walka, der Maler der erfolgreichen Liederbücher.

Große Ehre für das LIEDERPROJEKT: Die Auszeichnung im Rahmen der Initiative „Deutschland. Land der Ideen“ vom deutschen Bundespräsidenten, übergeben durch Ministerpräsident Winfried Kretschmann an Dagmar Munck (SWR) und Johannes Graulich.

6. Carus hat auch mit sehr guten Aufnahmen für Kinder überrascht.

Ja, im Bereich Musik mit und für Kinder stellte sich die Ausgangslage wiederum anders da. Es gibt viele ­Aufnahmen, ­leider aber oft mit wenig Anspruch. Aber auch Kinder verdienen musikalische Produktionen auf Weltklasse-Niveau. Aus dieser Überzeugung entstanden die Wiegenlieder-­Aufnahmen, die von Cornelius Hauptmann initiiert wurden.
Sie waren die Grundlage für das LIEDERPROJEKT, ­einem Benefiz­projekt, das wir mit dem SWR realisierten. Berühmte Sängerinnen und Sänger, erstklassige Chöre und Vokal­ensembles und viele Kinder haben Wiegenlieder, Kinder­lieder, Weihnachts- und Volkslieder eingesungen. Wunder­schöne Liederbücher mit Illustrationen von Frank Walka entstanden, ebenso zahllose neue Klaviersätze und Chorsätze von über 100 Komponist*innen und Arrangeur*innen. Auf liederprojekt.org entstand ein hochwertiges, nicht ­kommerzielles, digitales Liederarchiv, wie ich kein zweites kenne. All das wurde begeistert aufgenommen.

7. Wie hat der Verlag sich in den letzten Jahren verändert? Hat sich das Kerngeschäft angesichts der zunehmenden Digitalisierung des Alltags verändert?

Wir alle verbringen mehrere Stunden am Tag mit ­digitaler Technologie, sei es am Arbeitsplatz oder Zuhause, am Smartphone, PC oder Tablet. Das verändert automatisch auch die Erwartungen an einen modernen ­Musikverlag. Nach wie vor feiern wir unsere größten Erfolge im ­Bereich der Notenausgaben. Aber wir sind auch ­mitten im Übergang zu einem zunehmend digital geprägten ­Medien-Unternehmen, welches zu den Notenausgaben auch zahlreiche weitere Angebote für Chöre bietet – analog wie digital. Dabei verlieren hochwertige Notenausgaben nie ihre Bedeutung!

Carus ist weltweit präsent: Chunlung Lin (Pana Musica) und Johannes Graulich auf der Music China (2006).

Drei Carus-Köpfe: Günter und Johannes Graulich mit Uwe Wolf. Wolf, Musikwissenschaftler und zuvor bereits ­langjähriger Herausgeber bei Carus, übernahm 2011 die Leitung des ­Lektorats von Günter Graulich.

8. Jetzt steht das 50-jährige Verlagsjubiläum an. Welche programmatischen Schwerpunkte hat der Verlag gesetzt, was bleibt coronabedingt noch offen?

Wir haben bei Carus immer unseren Erfolg genutzt, um weiter in den Ausbau unseres Programms zu ­investieren. Damit sind wir wirklich weit gekommen: Wir haben Notenausgaben zu über 45.000 Chorwerken ediert.
Im Urtext-Sektor hat Carus schon allein wegen Umfang und Qualität unseres Katalogs für die Chöre weltweit ein Alleinstellungsmerkmal. Das Vokalwerk von Monteverdi, Bach, Mozart, Haydn, Beethoven, Mendelssohn, Schubert, Fauré, Puccini, Verdi und vieler anderer ist in modernen Urtext-­Editionen bei Carus erschienen. Unsere Klavierauszugs-­Bibliothek mit über 750 Ausgaben ist weltweit einzigartig. Im Moment widmen wir uns intensiv der Chormusik von Bruckner, dem nächsten wichtigen Jubilar, und Händel, ­dessen Oratorienkompositionen eine Schatzkiste für die Chöre darstellt. Auch im Bereich der zeitgenössischen Vokalmusik sind wir sehr aktiv.
Natürlich bleibt noch viel zu tun: Das Programm an digitalen Ausgaben muss ausgebaut werden, weitere wichtige Werke fehlen noch im Programm, vieles harrt noch der ­Entdeckung – und jede Ausgabe will gepflegt werden. Es gibt also ­Wünsche, die unerfüllt sind und auch einige Projekte, die wegen der Pandemie zurückgestellt werden mussten.

9. Durch die Veröffentlichung der Chor-App carus music, einer Übehilfe für Chorsänger*innen, hat Carus 2015 einen neuen Geschäftsbereich eröffnet. Kann sich so eine ­Investition bei einem Spezialverlag, der sich nicht an das breite Publikum wendet, auch rechnen?

Unsere Übe-App für Chorsängerinnen und Chorsänger wurde von den Chören begeistert aufgenommen und erreichte nach drei Jahren den Break Even. Es gibt einen echten Bedarf dafür, der meistens durch Fehlzeiten der Sänger*innen bei Proben, aber auch durch eine wachsende Anzahl an ­Projektchören entsteht. Wir haben jüngst die App als browser-­basierte Version neu aufgelegt, sodass das Üben nicht nur mit Smartphone möglich ist, sondern auf allen Geräten, auf denen ein Browser verfügbar ist.

Ein denkwürdiger Moment in der Verlagsgeschichte: Die Präsentation des Bach-Schubers im Bach-Archiv Leipzig im Dezember 2017 mit vielen Projektbeteiligten und Freunden des Verlags. Im Zentrum – mit den gewichtigen Schubern – die Hauptherausgeber Dr. Ulrich Leisinger und Dr. Uwe Wolf.

Carus präsentiert seine erste App carus music für Chorsänger*innen auf der Internationalen Musikmesse in Frankfurt 2015 mit NMZ Chefredakteur Dr. Juan Martin Koch – ein wichtiger Schritt in Sachen Digitalisierung und ein großer Erfolg.

10. Fehlt Ihnen bei allen Erfolgen und der spannenden ­Verlegertätigkeit manchmal die Medizin?

Ja, unbedingt. Der Kinderarztberuf ist ja meine ­Leidenschaft und ich konnte leider über Jahre kaum praktizieren. Auf der anderen Seite bin auch ich sehr stolz, was wir als Unternehmen erreicht haben und wie Carus sich an der Spitze der Vokalmusikverlage weltweit festsetzen konnte. Vielen Chorleitenden, Kirchenmusiker*innen und Schulmusiker*innen konnten wir Anregungen geben und haben auch international viel Wertschätzung erfahren. 2018 ist die Medienmanagerin Ester Petri als Geschäftsführerin bei Carus eingestiegen. Sie gibt dem Verlag neue Impulse und entlastet mich enorm, sodass ich auch wieder kleine ­Patient*innen sehen kann.

11. Welche Vision haben Sie für die Zukunft des Hauses Carus?

Zweifelsohne wird Carus sein Hauptthema, die Chormusik, weiter ausbauen. Schon seit den Anfängen von Carus haben wir den Austausch mit Chorleitenden auf der ganzen Welt gesucht und gefunden. Das gereicht uns jetzt zum Vorteil, denn Kundennähe und Service sind zentrale Erfolgsfaktoren.

Aber Carus steht nicht nur für Chormusik, sondern generell für das Singen. Menschen zum Singen zu bringen, das ­Singen in jeglicher Form zu erleichtern und zu verbessern – das ist der Kern, unsere Mission. Die Vokalmusik hat für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die Mitglieder der ­Verlegerfamilie Graulich eine enorme Bedeutung. Und mit Blick auf unser 50-jähriges Verlagsjubiläum und das erhoffte Ende der Pandemie ist hier gerade besonders viel zu tun.

Ester Petri und Johannes Graulich – seit 2018 gemeinsam verantwortlich für die Geschäfte des Carus-Verlags

Empfang zum Abschluss der Schütz-Gesamteinspielung 2019 mit Hans-Christoph Rademann (2. v. r.) und zahlreichen Schütz-Mitstreiter*innen

1 Antwort
  1. Stefan Hiby
    Stefan Hiby sagte:

    Bin beeindruckt von der fachlichen Pluralität im Carus-Verlagsgeschehen und gratuliere zum Jubiläum! Der Brückenschlag von der Pädiatrie zur elementaren Musik- und Gesangspädagogik kann gerade jetzt eine tragende Rolle spielen und viele gleichgesinnte Kolleg*innen ermutigen. Dank und Glückwünsche,
    mit freundlichen Grüßen
    Stefan Hiby

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