Mendelssohns letztes, sein Schaffen krönendes Werk

Frieder Bernius über Mendelssohns „Elias“

50 Jahre Carus – 50 Jahre Leidenschaft für die Chormusik, die wir mit Ihnen teilen. Im Carus-Jubiläumsjahr stellen prominente Chorleiter*innen jeden Monat im CARUS Blog ihr persönliches Highlight aus fünf Jahrhunderten Chormusik vor.

Mendelssohns Elias ist erst seit den 1980er Jahren wieder im oratorischen Kernrepertoire, seit Mendelssohns Tod ist das Werk in Deutschland nur vereinzelt aufgeführt worden, im Dritten Reich war eine Aufführung verboten.

Was hat es seither so rasant zu einem der beliebtesten Oratorien überhaupt werden lassen? Aber kann man ein Werk ein Oratorium nennen, wenn es mit vielen Dialogen und Massenszenen, mit Naturereignissen und himmlischen Boten gleichzeitig zu tun hat? Hatte Mendelssohn, wie sein Vorbild Händel mit Saul oder Israel in Egypt, ebenso Erfahrungen mit opernhaften Stoffen, bevor er sich dem Oratorium zugewandt hat? Zeit seines Lebens hat Mendelssohn nach einem Opernlibretto gesucht, aber keines hat ihn zu einer Vertonung gereizt. Von einem alttestamentarischen Stoff, als christlich getaufter Jude, hat er sich jedoch zum Ende seines kurzen Lebens besonders hingezogen gefühlt: zurück zu seinen Wurzeln….

Frieder Bernius zielt bei seiner Arbeit als weltweit gefragter Dirigent auf einen am Originalklangideal orientierten und zugleich unverwechselbar persönlichen Ton, egal ob bei den Vokalwerken von Monteverdi, Bach, Händel, Beethoven, Schütz oder Ligeti, den Schauspielmusiken von Mendelssohn oder den Sinfonien von Haydn und Schubert. Bernius leitete nicht nur die Gesamteinspielung der geistlichen Vokalmusik von Felix Mendelssohn Bartholdy und viele weitere Einspielungen verschiedenster Komponist*innen, sondern ist auch Herausgeber von Noteneditionen des Carus-Verlags.

Nein, diese Geschichte braucht die Äußerlichkeit einer szenischen Umsetzung nicht, die Musik selbst lässt eine Szene in unseren Vorstellungen so erstehen, dass wir uns nur von der musikalischen Imagination leiten lassen können. Oder wo gibt es in einem Oratorium handgreiflerischere Szenen als die der Baalschöre, und wo hört man unterschiedlichste Bewegungen des Windes mehr als im Chor „Der Herr ging vorüber“, wie kann man den Propheten eindringlicher zum Himmel fahren sehen als am Schluss des Chors „Und der Prophet Elias“, wo begreift man Trost besser als mit der Aufforderung des Engelsterzetts an den zu Boden liegenden Elias mit ihrem entrückten „Hebe deine Augen auf“. Vielleicht ist die Platzierung der drei Engel auf einer Empore möglich – ein räumlich-szenisches Zugeständnis für ihre Aufforderung, nach oben zu blicken, und damit die Ausnahme, die die Regel bestätigt.

Mendelssohn: Elias. Ein Oratorium nach Worten des Alten Testaments MWV A 25

Die Vielseitigkeit der Chorpartien ist im Elias eine besondere Herausforderung: wie bekommt man die Hilfe-Schreie des Volkes Israel, die verzweifelten Rufe der Baalspriester, das tröstliche „Fürchte dich nicht“ oder die christologisch-ekstatische Verheißung zum Schluss „Der wird des Herrn Namen predigen“ von denselben Sängerinnen und Sängern so adäquat gesungen, dass ihr Klang die jeweiligen Gefühle eindeutig wiedergibt? Denn auch Vokalmusik ist Klang unterschiedlicher Affekte, seine Vokale noch differenzierungsfähiger als die sie nur umschließenden Konsonanten.

 

Nicht zuletzt ist natürlich die Besetzung der Solopartien neben den wichtigen Säulen der Chor- und Orchesterqualität der springende Punkt der dramatischen Umsetzung. Über die notwendige Wandlungsfähigkeit der Titelpartie brauchen wir kein weiteres Wort zu verlieren. Aber wieviele Sopranistinnen gibt es, die die „Höre, Israel“-Arie mit einem ebenso weichen wie das Orchester überstrahlenden FIS beginnen können, wie uns Mendelssohn von der von ihm besonders bewunderten Sopranistin Jenny Lind vorgeschwärmt hat?

Natürlich ist es für charaktervolle Stimmendarsteller nicht einfach, sich auch noch ideal in einen solistischen Ensembleklang einzufügen, wie ihn Mendelssohn von seinen Solistinnen und Solisten im Choral „Wirf dein Anliegen vor den Herrn“ verlangt. Weswegen ich mir in Aufführungen erlaube, diesen Choral vom Chor singen zu lassen, was einen vergleichbaren Eindruck zu der für Chor vorgesehenen Zusicherung „Wer bis an das Ende beharrt“ ergibt. Die Solisten müssen es aber zum Ende des Werks mit ihrem gemeinsamen „Wohlan alle, die ihr durstig seid“, geschafft haben, zu einer Quartetteinheit zu finden. Das kann ihnen aber zum Schluss, nach der Darstellung ihrer solistischen Partien, leichter fallen, leichter als im ersten Drittel, wo sie sich mit vier anderen Solistinnen und Solisten zum Doppelquartett „Denn er hat seinen Engeln befohlen“ zu einem gemeinsamen Klang zusammen finden müssen. Vielleicht ist dieses Doppelquartett dann doch klanglich geschlossener von Solistinnen und Solisten aus dem Chor erwartbar, auch wenn dieser vom Orchester begleitete Satz mit seinem ostinaten, nachschlagenden Achtel-Rhythmus nicht die agogischen Möglichkeiten des zuvor komponierten achtstimmigen a cappella-Chorsatzes „Denn er hat seinen Engeln befohlen“ anbieten kann. Viele weitere, besonders auffällige Wort-Ton-Beziehungen für die interpretatorische Umsetzung dieses Werks können hier nur angedeutet werden: die Oboenseufzer der Witwe in der Dialogszene mit Elias; das sich tonal ständig wandelnde Auftrittsmotiv des Propheten; der aufsteigende Dur-Dreiklang für das Licht aus der Finsternis ebenso wie der Tonleiteraufstieg des Propheten in den Himmel, untermalt von akzentuierenden Synkopen und quasi tremolierenden Sechszehnteltriolen.

Felix Mendelssohn Bartholdy. Oratorien

Kammerchor Stuttgart
Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen
Klassische Philharmonie Stuttgart
Dirigent: Frieder Bernius

Der Elias ist Mendelssohns letztes, sein Schaffen krönendes Vokalwerk. Um ihm vollkommen gerecht werden zu können, gehört auch eine umfassende Kenntnis seines umfangreichen Vokalschaffens, mit dem der Komponist quasi die Bausteine für dieses Wunderwerk bereitgestellt hat.

Mendelssohn: Elias

Originalfassung

Bearbeitung für Kammerchor (J. Linckelmann)

Mendelssohn: Oratorien

carus music, the Choir Coach

Geistliches Chorwerk. Motetten, Psalmen, Choralkantaten, Lobgesang

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