Giacomo Puccini

Weit mehr als ein Opernkomponist

Ein Gespräch mit Gabriella Biagi Ravenni und Virgilio Bernardoni

Ein echter Klassiker im Carus-Programm ist die „Messa a 4 voci con orchestra“ von Giacomo Puccini – auch bekannt als „Messa di Gloria“. Das Werk machte auch den Anfang in der seit 2012 bei Carus erscheinenden wissenschaftlich-kritischen Ausgabe der Werke von Giacomo Puccini, die vom italienischen Kulturministerium als „Edizione Nazionale“ anerkannt ist. Herausgegeben wird die „Edizione Nazionale delle Opere di Giacomo Puccini“ vom internationalen Forschungsinstitut „Centro Studi Giacomo Puccini“ in Lucca. Hier setzen sich viele Menschen mit unendlich viel Engagement und großer Beharrlichkeit für „ihren“ Puccini“ ein. Wir haben mit der Präsidentin Gabrielle Biagi Ravenni und dem Vize-Präsidenten Virgilio Bernardoni gesprochen.

Wir in Deutschland denken bei „Gesamtausgabe“ an renommierte, staatlich geförderte ­Forschungseinrichtungen, an feste Stellen, Sachmittelbudget und Druckkostenzuschüsse – wie sieht das in Italien aus?

Ravenni: Das Centro Studi Giacomo Puccini ist ein privater Verein, der im Wesentlichen von der ehrenamtlichen Arbeit seines Vorstands, seines wissenschaftlichen Ausschusses und seinen Mitgliedern getragen wird. Die notwendigen Mittel für die Aktivitäten erhält das Centro Jahr für Jahr auf Antrag von öffentlichen Einrichtungen, Stiftungen und dergleichen. 2021 sind wir vom Kulturministerium in einer Reihe von Institutionen aufgenommen worden, die für einen Zeitraum von drei Jahren gefördert werden. Wir warten aktuell darauf zu erfahren, ob wir auch 2024 bis 2026 dazu zählen werden …

Worauf sind Sie besonders stolz?

Bernardoni: Was die Dokumentation und die Notenausgaben betrifft, so glaube ich, dass die bedeutendste Arbeit, die das Centro in den ersten 25 Jahren seiner Tätigkeit geleistet hat, die Entdeckung einer beträchtlichen Anzahl von Kompositionen außerhalb von Puccinis Opern-Kanon war. So war es möglich, den Wert der Einheit und der Kontinuität im Werk dieses großen Musikers wiederherzustellen. Ich beziehe mich dabei nicht nur auf die zahlreichen jugendlichen Orgelwerke, sondern auch auf die Kompositionen für Klavier, Chor und Orchester sowie auf die Werke für Gesang und Klavier, die die Anzahl der Werke im Katalog fast verdoppelt haben.

Ravenni: Also wenn ich nur eine Sache nennen dürfte, auf die ich persönlich stolz bin, dann ist es die Tatsache, dass wir viele junge Musikwissenschaftler*innen in unsere Aktivitäten einbezogen haben. Und wenn ich noch etwas anderes erwähnen darf, dann ist es die Entdeckung der autographen Partitur der Kantate I figli dell’Italia bella SC3. [2019 konnte eine anonyme Partiturhandschrift, die sich bis dahin nicht zuordnen ließ, als Autograph Puccinis identifiziert werden und der Kantate zugeordnet werden, die zuvor nur aus einem unvollständigen Stimmensatz bekannt war.]

Was bedeutet Ihnen persönlich Giacomo Puccini als Komponist – und als Mensch?

Ravenni: Als Komponist halte ich ihn für einen der größten Opernkomponisten überhaupt. Ich würde ihn als einen Klassiker bezeichnen, der die Tradition aufgegriffen und modernisiert hat und der universelle Botschaften vermittelt. Als Mensch finde ich ihn sehr faszinierend, wegen seiner komplexen Persönlichkeit: melancholisch, aber stets bereit zu scherzen, zu spielen; unsicher, aber sich seiner Fähigkeiten bewusst; bereit, Qualität anzuzuerkennen; kultiviert, neugierig und mit einem sehr praktischen Sinn ausgestattet.

Bernardoni: Mir fällt es schwer, den Mann und den Komponisten voneinander zu trennen, denn sie eint der kleinste gemeinsame Nenner der Zurückhaltung, ja fast ­Bescheidenheit. Der Mann verbirgt ein leidenschaftliches intellektuelles Leben hinter einer scheinbar unbekümmerten Fassade. Der Künstler verbirgt sein unermüdliches und ­entschlossenes kreatives Streben hinter einem scheinbaren Gefühl der Unsicherheit. Kurzum, ein Mensch und ein Künstler, den man mit Geduld und Hartnäckigkeit erforschen muss und der gerade deshalb mit überraschenden Entdeckungen aufwarten kann.

Was ist Ihr liebstes Werk von Puccini?

Ravenni: Tosca. Nicht weil ich sie für Puccinis absolutes Meisterwerk halte – es wäre mir geradezu peinlich, eine Rangliste zu erstellen, vor allem für die ersten Positionen – ­sondern weil sie die erste Oper ist, die ich als Kind im Theater gesehen habe. Und weil ich mich in den letzten Jahren intensiv mit ihr beschäftigt habe.

Bernardoni: Auch für mich ist es unmöglich, eine Rangfolge zu erstellen. Ich kann die Bohème nennen wegen ihrer absoluten Perfektion, Madama Butterfly wegen der meisterhaften Art und Weise, mit der die zahllosen Herausforderungen, die ihre unkonventionelle Dramaturgie mit sich bringt, gelöst werden. Il trittico, weil ich in der scheinbaren Zusammenhanglosigkeit die perfekte Deklination jener ganz besonderen Idee des totalen Musiktheaters finde, die Puccini seit seinen frühesten Werken verfolgte. Es gibt aber auch Stücke des „anderen“ Puccini – zwei oder drei Stücke für Orgel, das Requiem, das aphoristische Calmo e molto lento für Klavier – die mich jedes Mal faszinieren, wenn ich sie spiele oder höre.

Was sind die Herausforderungen bei der Edition der Werke von Puccini?

Bernardoni: Bisher habe ich mich mit Kompositionen für Orgel und Klavier oder mit ­Orchesterstücken befasst. Abgesehen von den Identifizierungsproblemen, die sich stets bei der Edition von unbekannten Quellen ergeben, erfordern diese Kompositionen eine große Anstrengung bei der Interpretation der Manuskripte. Diese wurden von Puccini oft in aller Eile verfasst und sind voller Nachgedanken, die sich übereinander schichten und die mich als Herausgeber zwingen, Entscheidungen zu treffen, die nie unmittelbar waren, und ständig Verantwortung zu übernehmen.

Wie geht es weiter mit der Edizione?

Bernardoni: 2024 veröffentlichen wir zwei Bände der Briefausgabe, die die Jahre 1905 bis 1906 und 1907 bis 1908 abdecken: sehr interessant, weil sie eine Phase lebhafter kreativer Forschung in einer entscheidenden Periode von Puccinis Leben beleuchten. Ebenfalls in Vorbereitung ist die Ausgabe der Regiebücher der Inszenierung der Fanciulla del West, die von zwei amerikanischen Wissenschaftlern, Ellen Lockhart und David Rosen, herausgegeben wird. Außerdem wird der Band der „Edizione Nazionale“ mit Kompositionen für Stimmen und Instrumente (ENOGP III/3, Carus 56.005) erscheinen. Eine Gelegenheit, zu einigen Werken zurückzukehren, die bereits von unserem geschätzten, kürzlich verstorbenen Kollegen Dieter Schickling herausgegeben wurden. Er war der Erste, der die Notwendigkeit erkannte, mehr Energie auf das Studium des jungen Puccini zu verwenden.

Warum ist Lucca, neben Puccini, eine Reise wert?

Ravenni: Die Stadt als Ganzes mit ihrer urbanen Struktur, den sie umgebenden Mauern, den romanischen Kirchen, dem römischen Amphitheater, der Umgebung, dem guten Essen …

Giacomo Puccini
Werkausgabe Edizione Nazionale delle Opere di Giacomo Puccini

III/2: Messa di Gloria SC 6
Carus 56.001

II/1: Composizioni per orchestra
Carus 56.002

II/2.1: Composizioni per organo
Carus 56.003

II/2.2: Composizioni per pianoforte
Carus 56.004

III/3: Lyriche
Carus 56.005

Giacomo Puccini
Messa a 4 voci con orchestra
Messa di Gloria, Edizione Nazionale delle Opere di Giacomo Puccini, III/2
SC 6
Carus 56.001/01

Giacomo Puccini
Messa a 4 voci con orchestra
Bearbeitung für Kammerorchester (arr. J. Linckelmann)
1880/2017
Carus 56.001/50

Prof. Gabriella Biagi Ravenni ist Gründungsmitglied und seit 2007 Präsidentin des ­Centro Studi Giacomo Puccini. Sie ist Mitglied der Wissenschaftlichen Komission der „Edizione Nazionale“ und Koordinatorin des Herausgeberkommitees der Briefausgabe. Viele Jahre leitete sie das Puccini Museum in Lucca und war darüber hinaus als Associate Professor an der Universität von Pisa tätig.
Prof. Virgilio Bernardoni ist Vizepräsident des Centro Studi Giacomo Puccini and seit 2012 der Vorsitzende der Wissenschaftlichen Komission der „Edizione Nazionale“. Er ist Professor für Musikwissenschaft und Musikgeschichte an der Universität von Bergamo.

Verwandte Werke

Messa a 4 voci con orchestra

Messa di Gloria, Edizione Nazionale delle Opere di Giacomo Puccini, III/2

Puccini komponierte seine Messa a 4 voci con orchestra („Messa di Gloria“) in den Jahren 1878–1880. Die musikalische Qualität, der Schwung und die Frische dieses Jugendwerkes veranlassten den Komponisten, in späteren Opern seine Messa zu zitieren und sicherten dem Werk – nach seiner Wiederentdeckung im Jahre 1952 – eine stetig wachsende Beliebtheit. Die wissenschaftlich-kritische Ausgabe von Puccinis einziger Messe ist der erste Band der „Edizione Nazionale delle Opere di Giacomo Puccini“.

Messa a 4 voci con orchestra (CD)

Carus 83.535

Puccini und Verdi, die beiden Großmeister der italienischen Oper, sammelten beide ihre ersten musikalischen Erfahrungen im kirchenmusikalischen Umfeld. 1880, als 22-Jähriger, komponierte Puccini seine Messa a 4 voci zum Abschluss seines Studiums.

Messa a 4 voci con orchestra (Bearbeitung für Kammerorchester)

Carus 56.001/50

Mit der vorliegenden Bearbeitung für Kammerorchester (Flöte, Oboe, Klarinette, Horn, Fagott, Pauke und Streicher) von Joachim Linckelmann erhalten mehr Chöre die Möglichkeit, dieses Werk aufzuführen, ohne dass der Chor durch ein groß besetztes Sinfonieorchester dominiert würde, wobei der sinfonische Charakter aber trotzdem erhalten bleibt. Diese Besetzung bietet eine optimale Balance von Durchsichtigkeit und orchestralem Klang.

Giacomo Puccini: Biografie

Giacomo Puccini, Biografie

Die Biografie, die auf den neuesten Stand der Forschung basiert, widmet sich gleichermaßen Puccinis Leben wie seinem Werk. Deutlich wird, wie Puccini um die musikalische Umsetzung des unmittelbaren Ausdrucks von Emotionen gerungen hat, ausgehend von der Suche nach dem geeigneten Stoff und der passenden Librettosprache über sein Interesse an der Zeitstruktur der Bühnenhandlung bis zum Einsatz verschiedenster, teilweise völlig neuer Kompositionstechniken.

Composizioni per orchestra

Composizioni per orchestra, Edizione Nazionale delle Opere di Giacomo Puccini, II/1

Als zweiter Band der „Edizione Nazionale delle Opere di Giacomo Puccini“, Abteilung „Musikalische Werke“, erscheint die Kritische Neuausgabe der Kompositionen für Orchester. Neben den bereits bekannten Werken Preludio a orchestra (SC 1), Preludio sinfonico (SC 32), Trio in Fa (SC 52) und Capriccio sinfonico (SC 55) enthält der Band auch das kurze und unbekannte Adagetto (SC 51), eine vermutlich aus der Mailänder Studienzeit Puccinis stammende Kompositionsskizze, sowie erstmals die kürzlich aufgetauchte Orchesterfassung des Scherzos in La (SC 34) von 1882.

Composizioni per Organo

Composizioni per Organo, Edizione Nazionale delle Opere di Giacomo Puccini, II/2.1

Edizione Nazionale delle Opere di Giacomo Puccini, II/2.1

Die Orgel ist das Instrument, mit dem der junge Giacomo Puccini als Musiker debütierte. Durch die Wiederentdeckung einer beträchtlichen Anzahl von handgeschriebenen Stücken, die er nach 1870 komponierte, um den Aufträgen als Organist in den Kirchen von Lucca nachzukommen, stehen heute direkte Quellen zur Verfügung. Diese geben einen Einblick in die Anfangszeit seiner musikalischen Aktivitäten, welche bisher nur aus Anekdoten seiner ersten Biografen bekannt waren.

Adagetto

Carus 16.208

Puccinis Adagetto für ein kleiner besetztes Orchester (ohne Trompeten, Posaunen und Pauken) entstand vermutlich schon in den frühen 1880er Jahren während der Mailänder Studienzeit des Komponisten. Puccini griff das Thema einige Jahre später in seiner Oper Edgar wieder auf.

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