Ein faszinierender Komponist

Klaus Brecht über Louis Viernes „Messe solennelle op. 16“

Klaus Brecht, langjähriger Dozent an der Landesakademie für die musizierende Jugend in Ochsenhausen und u.a. Herausgeber der Schulchorbuch-Reihe chorissimo! bei Carus, stieß während der Vorbereitungen für das Konzertjahr 2020 u.a. auf die Messe solennelle des Jubilars Louis Vierne. Zunächst war er irritiert, dann aber wuchs die Begeisterung, gerade auch mit Blick auf die Vertonung der Chorpassagen.

Als ich in der Vorbereitung für das Konzertjahr 2020 auf der Suche nach interessanten Stücken für meinen Kammerchor war, stieß ich auf Werke des Jubilars Louis Vierne. Zunächst auf das Tantum ergo op. 2, dann auf die Messe solennelle op 16. Meine erste Annäherung an die Messe war zunächst auch ganz praktisch begründet; die Besetzung der Messe kam den finanziellen Möglichkeiten meines Kammerchors sehr entgegen: Chor, begleitet von zwei Orgeln, keine Solisten. Und musikalisch gedacht ist es für einen Kammerchor immer motivierend, wenn er in einem ‚oratorischen‘ Werk die Hauptrolle einnimmt. Vierne kannte ich bis dahin v.a. als Komponist von Orgelwerken. In den weiteren Recherchen zur Person Vierne beindruckten mich drei Dinge:

  1. Der Organist: Louis Vierne war ein Schüler der berühmten Meister der französischen Orgelkunst: César Franck und Charles Marie Widor. Beide waren an der Pariser Kirche St. Sulpice tätig und sorgten von ihrem Lehrstuhl am Pariser Conservatoire aus für eine wahre Weltgeltung der französischen Orgelkunst. Vierne selbst war als konzertierender Organist weltweit unterwegs, wurde gefeiert und sammelte nebenbei Geld für die Renovierung und den Umbau seiner Orgel in Notre-Dame, bis er bei seinem 1750. Orgelkonzert in Notre-Dame, bei dem ihm Maurice Duruflé assistierte, einen tödlichen Gerhirnschlag erlitt. (Gott sei Dank konnte die Orgel beim Brand von Notre-Dame im Jahr 2019 gerettet werden.)
  1. Der Mensch Luis Vierne: eine Blindheit von Geburt an und viele Schicksalsschläge. Es ist beeindruckend und bewundernswert, dass ein Mensch trotz starker Behinderung ein solches künstlerisches Lebenswerk bewältigt.
  1. Der Komponist:
    • Seine Lehrer und Berater waren die größten französischen Musiker im Ausgang des 19. Jahrhunderts. Er war Privatschüler von César Franck sowie Carles Marie Widor, der ab 1896 die Kompositionsklasse am Konservatorium in Paris leitete.
    • Viernes Orgelkompositionen sind Meisterwerke der Orgelmusik. Er führte insbesondere die Gattung der Orgelsymphonie zu ihrem Höhepunkt und beeinflusste weltweit maßgeblich die Entwicklung der Orgelkunst.
    • Seine Kompositionsschüler*Innen waren u.a. Lilli und Nadia Boulanger und Maurice Duruflé.

Mit diesen Vorgaben näherte ich mich der Messe solennelle, die Vierne in den Jahren 1899 und 1900 komponierte. Es ist eine konzertant angelegte Messe mit den fünf Teilen Kyrie – Gloria – Sanctus – Benedictus und Agnus Dei. Die Uraufführung fand 1901 an der Kirche Saint-Sulpice in Paris statt, mit Widor an der Hauptorgel und Vierne an der Chororgel. Jon Laukvik führt in seinem Vorwort zur Carus Ausgabe der Messe an, dass Vierne zunächst eine Fassung mit Chor und Orchester plante, ehe Widor ihn zur Fassung für Chor und 2 Orgeln ermunterte.

Ich gebe zu, dass mich meine ersten Begegnungen mit dem Werk beim Anhören der vorhandenen Aufnahmen zunächst etwas irritiert haben. Erst im tieferen Eindringen in die Partitur wuchs meine Begeisterung. Und je mehr ich mich mit dem Werk befasse, desto mehr erkenne ich die Meisterschaft des Komponisten Louis Vierne, gerade auch mit Blick auf die Vertonung der Chorpassagen.

Vierne instrumentiert den Chor kreativ und abwechslungsreich: barock-anmutende Fugati werden romantisch geprägten, harmonisch spannenden Abschnitten gegenübergestellt. Höhepunkte sind unisono Melodienbögen z.B. im Kyrie und Sanctus. Alle Chorstimmen können im Gloria ’solistisch‘ mit wunderbaren großen Melodien glänzen. Das „Qui tollis“ lebt vom Wechselspiel von Männerchor und Frauenchor. Das Benedictus spielt mit der Mehrchörigkeit im Raum: Chor a cappella, Chororgel und große Orgel, die sich erst im „Hosanna“ zum Tutti vereinen.

Die Chororgel stützt im Wesentlichen den Chor. Im Sanctus ist sie die Hauptdarstellerin mit einem jazzig anmutenden walking bass und einem – harmonisch betrachtet – opulenten Festmahl in der Passage „Pleni sunt caeli et terra“. Die große Orgel liefert hier mit dem Orgelpunkt E das Fundament, streut Bläserstimmen ein und liefert in Überleitungstakten und Schlusskadenzen den großen Orchesterklang.

Die große Orgel eröffnet auch die Messe mit großem Klang, aufsteigenden Passagen in den Manualen und markanter Bassfigur. Diatonisch auf- und absteigende Passagen sowie chromatische Tonleitern werden als Spiel mit Skalen häufig, aber immer variantenreich und sehr textbezogen verwendet. Sie sind ausdrucksstarke Spannungspunkte der gesamten Komposition. Die große Orgel beendet die Messe mit ätherischen wie aus der Ferne klingenden Cis-Dur-Akkorden und weicher, in die Tiefe führender Bassmelodie im Pedal.

Die Gesamtanlage der Messe ist in ihrer formalen Anlage, typisch für Viernes gesamtes Schaffen, sehr klar gegliedert. Als Spätromantiker bebildert er den Text mit kühner Harmonik und erlaubt sich – klangbezogen – Ausflüge zu impressionistisch anmutender Farbigkeit. Als Zuhörer*In durchschreitet man in dieser Komposition einen reich ornamentierten Kirchenraum mit Seitenaltaren, einer Vielzahl beeindruckender Bilder und Figuren sowie einem großen Mittelschiff als Klangraum.

Dies eine kurzer Einblick in ein Werk, das mich tief beeindruckt, und ich hoffe, dass diese kurze Beschreibung manche Chorleiter*Innen neugierig macht.

Hier noch ein Encore in Erinnerung an Viernes Kompositionsschülerin Lili Boulanger:

Ich denke zurück an meine Zeit als Dozent an der Landesmusikakademie Ochsenhausen und an ein CD-Projekt mit dem Orpheus Vokalensemble der Akademie, dem Pianisten Antonii  Baryshesvski unter der Leitung von Michael Alber mit beeindruckenden Werken der allzu früh verstorbenen Komponistin Lill Boulanger unter dem Titel Hymne au Soleil im Jahr ihres 100. Todestages 2018 (erscheinen bei Carus 83.489).

Klaus Brecht war bis 2018 als Akademiedozent der Landesmusikakademie Baden-Württemberg tätig. Sein inhaltlicher Schwerpunkt liegt in der vokalen Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Er wirkt als Chorleiter, Stimmbildner und Juror.

Louis Vierne Messe solennelle

Partitur (2 Orgeln)

Die Messe solennelle op. 16 für gemischten Chor und zwei Orgeln von Louis Vierne entstand 1899. Bei der Uraufführung in St. Sulpice im Dezember 1901 spielte Charles-Marie Widor die Hauptorgel und Vierne selbst die Chororgel. Das Werk gehört zu den Höhepunkten spätromantischer Orgelmessen und ist überdies für den Chor angenehm zu singen.  

Partitur (1 Orgel)

Aus praktischen Erwägungen – vielfach ist eine Aufführung mit zwei Orgeln nicht möglich – hat Carus parallel zur Originalausgabe (ed. Jon Laukvik) eine Bearbeitung für Chor und eine Orgel von Zsigmond Szathmáry veröffentlicht (27.017/45, Chorpartitur 27.017/05).

CD Lili Boulanger: Hymne au Soleil

Als Lili Boulanger (1893-1918) im Jahr 1913 den renommierten „Prix de Rome“ gewann, war sie die erste Frau überhaupt, der diese Ehre zuteilwurde. Ihr allzu früher Tod führte dazu, dass sie in der Wahrnehmung der impressionistischen Musik neben Ravel oder Debussy eher ein Schattendasein führte.

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