Beethoven 2027
Inspiration nicht nur für Beethoven-Chöre für das große Jubiläum.
Warum kommt man auf die Idee, einen Chor nach Beethoven zu benennen? Viel Repertoire für Chöre hat der Komponist schließlich nicht hinterlassen. Tristan Meister, seit 2017 Leiter des Ludwigshafener Beethovenchors, ist dieser Frage nachgegangen und tief in Beethovens Chorwerk eingestiegen. Sein Fazit: Die Namensgebung ist absolut gerechtfertigt – und im anstehenden Jubiläumsjahr lohnt es sich für jeden (Beethoven-)Chor, seine Chorwerke aufs Programm zu setzen!
Seit ich im Jahr 2017 – pünktlich zu Beethovens 190. Todestag – die Leitung des Ludwigshafener Beethovenchores übernahm, verwende ich praktisch jede freie Minute darauf herauszufinden, wie die Mitglieder dieses Chores auf die Idee kommen konnten, ihr Anfang des 20. Jahrhunderts frisch gegründetes Ensemble ausgerechnet nach diesem Komponisten zu benennen. Klar, Ludwig van Beethoven ist zweifelsohne einer der bedeutendsten Menschen der Musikgeschichte, dem zu Recht Ehre gebührt! Aber doch sicher nicht wegen seiner Chorwerke, die doch nur eine Randerscheinung seines Schaffens waren und zudem noch als spröde und unsanglich verschrien sind… Trotz dieser offensichtlichen Fehleinschätzung der damaligen Entscheidungsträger konnte ich mir die Forderung nach einer Umbenennung des Chores zunächst noch verkneifen (passende, wohlklingende Alternativen gibt es ja zuhauf) und wollte der Sache weiter auf den Grund gehen.
Der Anlass war schnell gefunden: Beethovens Neunte wurde zur Gründung des Chores aufgeführt (und seither mehr als 50mal). Aber hier fragt man sich, ob ein gut 20-minütiger Schlusssatz ausreicht, um Sängerinnen und Sänger Feuer und Flamme für einen Komponisten werden zu lassen und ihren Chor nach ihm zu benennen.
Mittelklare Antwort: Na hoffentlich! Nicht genug, dass die Idee überhaupt einen Chor und vier Soli in einer Sinfonie zu besetzen seinerzeit absoluter Wahnsinn gewesen sein dürfte… Dieses Meisterwerk sprengte musikalisch und formal nahezu alle bekannten Grenzen und war prägend für alle(!) nachfolgenden Komponist*innengenerationen. So weit, so gut. Aber vielleicht ein One-Hit-Wonder?
Da gibt es dann noch die – zumindest tonartlich wenig spektakuläre – C-Dur-Messe. Aber die Musik ist umso spannender, teils lyrisch-schlicht, teils feurig-bewegt, immer aber plastisch, sehr nah am Text und ganz und gar nicht unsanglich. Eine richtig gute und kurzweilige Nummer, die für fast jeden Chor machbar sein dürfte! (Und das Kyrie hat zudem noch eine wirklich bemerkenswerte Tempovorgabe.)
Ludwig van Beethoven
Meeres Stille und glückliche Fahrt
Carus 10.395/00
Und selbst die Gelegenheitskompositionen Beethovens gerieten regelmäßig zu kleinen Meisterwerken: Die wohl aufgrund der unkonventionellen Besetzung und recht kurzen Dauer selten aufgeführte Chorfantasie (eigentlich Fantasie für Klavier, Chor und Orchester) war mit ihrer Anlage als kleines Klavierkonzert mit Chor ein absolutes Novum und macht Publikum und Ausführenden gleichermaßen Freude.
Seine Chor-Ode Meeres Stille und Glückliche Fahrt auf zwei Gedichte von Goethe, die gemeinsam mit seinem übrigens ebenfalls unterschätzen Passionsoratorium Christus am Ölberge uraufgeführt wurde, ist ein weiteres Beispiel für seinen wirklich kreativen Umgang mit dem Instrument Chor: Tiefe Lage, große Bögen, gepaart mit flächigen Streicherakkorden, stehen für die Stille zu Beginn, hochpeitschende Motive und fast unaussprechbar schnelle Figuren läuten die glückliche Fahrt ein. Eine Wahnsinnsnummer!
Aber Beethoven kann nicht nur mit dem großen Besteck umgehen: Sein Elegischer Gesang ist ein ausdrucksvolles, frühromantisches Schmuckstück für Chor und Streicher, funktioniert zudem auch prima mit Klavier. Überhaupt gibt es noch einige kleinere Werke, die (von Kolleg*innen, Publikum und Verlagen) noch entdeckt werden müssen und ein spannendes Zeugnis der Arbeit des noch sehr jungen Beethoven geben: Die beiden Kaiserkantaten aus dem Jahr 1790 zeigen, dass er sich schon früh und gern mit chorischen Werken beschäftigt hat – wenn auch mit wenig Erfolg, denn beide blieben zu seinen Lebzeiten unaufgeführt. Haydn aber wurden die Kantate auf den Tod Kaiser Josephs II. vorgelegt, und der Biograph Franz Wegeler schreibt, sie wurden von ihm „besonders beachtet und ihr Verfasser zu fortdauerndem Studium aufgemuntert“ – fortan, wohl um persönlich für ein adäquates Studium zu sorgen, akzeptierte er den jungen Beethoven als Schüler.
Aber ein Werk fehlt noch, und das steht wohl über allem – nicht nur für mich und viele Beethovenfreunde, sondern auch für den Komponisten selbst: Die Missa solemnis – von Beethoven mehrfach als sein größtes Werk bezeichnet und auch nach langer Beschäftigung mit der Musik immer noch unbegreiflich und faszinierend. Sei es das schlicht anmutige Kyrie, das farben- und freudenreiche Gloria, das monumentale Credo mit seinen wahnwitzigen Fugen, das feierliche Sanctus, das traumhafte Benedictus mit dem unheimlich schönen Geigensolo oder das jede Form und Idee sprengende Agnus Dei, das mit seinem Kriegsanklängen und den verzweifelten Schreien nach Frieden auch heute noch tagesaktuell klingt. Eigentlich reicht schon dieses Stück, und ich würde meinen Chor ohne Umschweife Beethovenchor, mein Fest Beethovenfest und wahrscheinlich am Ende sogar mein Haus Beethovenhaus nennen.
Tristan Meister ist Dozent für Chordirigieren an den Musikhochschulen Mannheim und Frankfurt/Main. Er leitet mehrere Chöre, u. a. seit 2017 den Beethovenchor Ludwigshafen und ist regelmäßiger Gast, Workshop- und Kursleiter bei nationalen und internationalen Chorfestivals.







Beethovens chorsinfonische Werke mit ihren umfangreichen Besetzungen und anspruchsvollen Partien sind nur mit großem Aufwand aufführbar. Daher hat Carus mit dem Chorbuch Beethoven das Repertoire für gemischte Chöre beträchtlich erweitert: Neben wenig bekannten frühen A-cappella-Werken sowie Klavierfassungen aus dem chorsinfonischen Repertoire – darunter auch selten Aufgeführtes z.B. aus den Schauspielmusiken – bietet die Sammlung reizvolle Bearbeitungen Beethoven’scher Musik aus drei Jahrhunderten.
Mit der vorliegenden Bearbeitung für Kammerorchester (Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott, Horn, Trompete, Posaune, Pauke und Streicher sowie Orgel ad libitum) können auch kleinere Chöre und Chöre mit begrenzten räumlichen oder finanziellen Möglichkeiten dieses Werk aufführen, wobei der sinfonische Charakter sowie eine hohe dynamische Bandbreite erhalten bleiben. Sämtliche Vokalpartien (Soli und Chor) sind mit der Originalfassung identisch, sodass von dieser Klavierauszug und Chorpartitur verwendet werden können.



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