Banner Spohr Des Heilands letzte Stunden

„vieles sehr schön und manches (…) so frei“

Des Heilands letzte Stunden von Louis Spohr

Louis Spohr und Felix Mendelssohn Bartholdy verbindet einiges: eine persönliche Freundschaft, ihr leidenschaftliches Engagement für die Musik Johann Sebastian Bachs und eine große Popularität ihrer Werke in England. Mendelssohn setzt 1829 Bachs Matthäus-Passion mit seiner aufsehenerregenden Berliner Aufführung wieder auf die musikalische Landkarte, Spohr tut dasselbe ab 1832 mit mehreren Aufführungen in Kassel. Inspiriert durch Bachs Monumentalwerk, komponieren beide ein großes Oratorium: Mendelssohn seinen Paulus, Spohr Des Heilands letzte Stunden. 1836 und 1837 erleben die Werke ihre erfolgreiche Erstaufführung in England. Zahlreiche Aufführungen bis zum Ende des Jahrhunderts folgen, beide Oratorien werden zu einem wichtigen Bestandteil des britischen Musiklebens. Mit seiner kritischen Edition legt Carus die erste moderne Ausgabe von diesem gewichtigen Werk Spohrs vor.

Entstehungsgeschichte

Louis Spohr (1784–1859) hat vier geistliche Oratorien komponiert, die sich alle einem apokalyptischen Thema widmen: Das Jüngste Gericht (1812), Die letzten Dinge (1825), Des Heilands letzte Stunden (1834/35), Der Fall Babylons (1839). Das dritte geht auf die Initiative des bekannten Leipziger Musikpublizisten Friedrich Rochlitz zurück, der Spohr 1833 sein Libretto zur Vertonung ans Herz legt. Kurz zuvor hat Rochlitz es noch Felix Mendelssohn Bartholdy angeboten, der sich jedoch für Paulus entscheidet. Inspiriert von seinen eigenen Aufführungen der Bachschen Matthäus-Passion, macht sich Spohr im Frühjahr 1834 an die Komposition des neuen Oratoriums. Überschattet wird die Arbeit von dem sich verschlechternden Gesundheitszustand seiner Frau Dorette, die schließlich am 20. November 1834 stirbt. Ihr Todesdatum trägt Spohr in die autographe Partitur ein, und zwar im Chor Nr. 24: „Arzt, der allen half, hilf dir nun selber!“. Im Frühjahr 1835 vollendet er Des Heilands letzte Stunden, das dann direkt am Karfreitag seine Uraufführung erlebt. Moritz Hauptmann, Orchestergeiger in Kassel und enger Freund Spohrs, schreibt am 3. April 1835, zwei Wochen vor der Uraufführung, in einem Brief: „Ich habe die Musik noch nicht im Zusammenhange gehört und von den Solostücken manche noch gar nicht, aber von dem was ich kenne, ist vieles sehr schön, und manches wird so frei, wie ich von Spohr wenig kenne.“

Louis Spohr
1784 – 1859

 

Aufführungsgeschichte, besonders in Großbritannien

Die Uraufführung von Des Heilands letzte Stunden in der Kasseler Hof- und Garnisonskirche am Karfreitag 1835 ist ein Erfolg, von dem Spohr in einem Brief an Rochlitz am 20. April zufrieden berichtet: „Unsere Aufführung am Charfreitage ist ganz nach Wunsch ausgefallen und das Werk scheint, nach Allem was ich höre, einen tiefen Eindruck gemacht zu haben. […] So vollgedrängt die Kirche auch war und so gemischt das Auditorium, so herrschte doch vor und während der Musik die feierlichste Stille, wodurch auch wir, die Ausübenden, in die rechte Stimmung versetzt wurden. So wurde das Werk von Anfang bis zu Ende ohne alle störenden Fehler durchgeführt und gereichte Allen zur größten Erbauung.“ Nach der Uraufführung wird das Oratorium in vielen weiteren Städten Deutschlands aufgeführt; in einigen wird es nach großem Erfolg regelrecht gefeiert. Zu dieser Zeit besteht bereits seit längerem eine starke Verbindung Louis Spohrs zu England. Sie geht zurück auf seinen ersten Auftritt bei den Konzerten der Philharmonic Society im Jahr 1820, wo er als einer der Ersten überhaupt das Orchester mit einem Taktstock dirigiert (üblich war bisher die Leitung durch den Konzertmeister in Verbindung mit einem Orchesterpianisten).

Louis Spohr: Des Heilands letzte Stunden Cover

Louis Spohr
Des Heilands letzte Stunden
Carus 23.010/00

Das Konzert wird zu einem denkwürdigen Ereignis, wie Spohr in seiner Selbstbiographie schreibt: „Der Erfolg am Abend war noch glänzender, als ich ihn gehofft hatte. Zwar stutzten anfangs die Zuhörer über die Neuerung und steckten die Köpfe zusammen; als aber die Musik begann und das Orchester die wohlbekannte Symphonie mit ungewöhnlicher Kraft und Präzision exekutierte, gab sich schon nach dem ersten Satz die allgemeine Zustimmung durch ein langanhaltendes Beifallklatschen zu erkennen. Der Sieg des Taktierstäbchens war entschieden, und man sah bei Symphonien und Ouvertüren von da an niemand mehr am Piano sitzen.“ Spohr wird noch öfter als Dirigent nach London eingeladen und komponiert 1848 für die Philharmonic Society seine 8. Sinfonie. Nur ein Jahr nach der Kasseler Uraufführung von Des Heilands letzte Stunden erscheint 1836 in London ein englischsprachiger Klavierauszug des Oratoriums mit dem Werktitel The Crucifixion, und 1837 findet in Norwich seine englische Erstaufführung statt. 1852 erscheint ein zweiter Klavierauszug im Druck, nun unter dem bis heute in Großbritannien geläufigen Titel Calvary. Bis zur Jahrhundertwende erlebt Spohrs Komposition zahlreiche weitere erfolgreiche Aufführungen, u.a. in Norwich, Hull, London, Hereford, Liverpool, Leeds, Dublin, Bradford, Edinburgh. Diese eindrucksvolle Aufführungsgeschichte setzt sich bis ins 20. Jahrhundert fort. Dies ist umso bemerkenswerter, als die ersten Aufführungen von heftigen Auseinandersetzungen begleitet werden. Die Darstellung Jesu durch einen Tenor – ein singender Christus! – polarisiert, außerdem wird eifernd der Frage nachgegangen, ob ein Oratorium die Passionsgeschichte auf einer Bühne erzählen dürfe und solch ein Stück dann überhaupt noch als geistliche Musik angesehen werden könne.

Libretto und Musik

Friedrich Rochlitz (1769–1842), der Librettist von Des Heilands letzte Stunden, ist damals einer der einflussreichsten Musikpublizisten. Zwanzig Jahre gibt er das musikalische Leitmedium der Zeit, die Allgemeine musikalische Zeitung, heraus, er ist Mitglied im Direktorium des Leipziger Gewandhauses und hat die Berufung Mendelssohns als Gewandhauskapellmeister maßgeblich unterstützt. Sein breites Œuvre als Dichter, Schriftsteller, Übersetzer (Mozarts Don Giovanni auf Deutsch, 1801) ist heute weniger bekannt als seine musikpublizistischen Arbeiten, in denen er sich u.a. für eine Popularisierung Mozarts und für Beethoven als Klassiker einsetzt. Von ihm stammt auch das Libretto zu Spohrs Oratorium Die letzten Dinge, und der Text, den er diesem 1833 in Leipzig für ein neues Werk anbietet, ist bereits 1806 als Das Ende des Gerechten (von Johann Gottfried Schicht) vertont worden. Spohr ändert nur den Titel und beginnt ein Jahr später mit der Vertonung, ohne Rochlitz zu informieren. Später wird es einen lebhaften Briefwechsel mit Änderungswünschen des Dichters geben, denen Spohr nachgeben wird – bis auf eine Ausnahme: Christus wird von einem Tenor (meist dem Sänger des Johannes) gesungen und nicht, wie Rochlitz es will, von einem Männerchor. Es scheint so, als hätte Rochlitz die spätere englische Debatte um eine personifizierte Darstellung des Gottessohns vorausgeahnt. Eine englische Übersetzung und Bearbeitung des Librettos fertigt Edward Taylor, der auch Die letzten Dinge übersetzt hat, 1836 in London an. Sie nimmt eine wesentliche Veränderung gegenüber dem deutschen Original vor, indem die wenigen Äußerungen Christi nun jeweils von Johannes anmoderiert („He saith:“) und dadurch zu indirekter statt direkter Rede werden. Dahinter steckt der ästhetische Vorbehalt gegenüber einer Verkörperung des Heilands auf der Bühne. Die Handlung des zweiteiligen Stücks beschränkt sich auf drei Orte und Szenen aus der Passionsgeschichte, hält sich aber in ihrer Abfolge an deren Chronologie. Der erste Teil des Oratoriums beginnt nachts in Gethsemane (Nr. 1–6), mit den Plänen von Priestern und Volk gegen Jesus sowie Judas’ Verrat, und wechselt in den Palast des Hohepriesters (Nr. 7–21), mit der Verleugnung durch Petrus, dem Abfall der Freunde, der Verhandlung und dem Urteil. Der zweite Teil erzählt von dem Weg nach Golgatha, Jesu Kreuzigung und Grablegung (Nr. 22–36).

Lousi Spohr: Des Heilands letzte Stunden CD Bernius Cover

Spohrs Vertonung ist eine lyrische Musik mit dramatischen Zügen, in der die einzelnen Nummern, harmonisch miteinander verbunden, ineinander übergehen. Anstelle eines Evangelisten fungiert Johannes als Erzähler. Insgesamt zielt Spohrs musikalische Darstellung mehr auf ein Beschreiben als unmittelbares Erleben der Passion ab: die einzelnen Rollen geben in ihren Arien lyrische Betrachtungen aus ihrer jeweiligen Perspektive. Eine wirklich dramatische Szene mit dialogischem Wechsel zwischen mehreren Personen findet sich nur in der Gerichtsverhandlung im ersten Teil (Nr. 13). Um diesen Mangel an Dramatik auszugleichen, nimmt Spohr einen Kunstgriff vor, indem er zweimal in Rezitativen des Johannes ein Solo-Quartett (Nr. 14; Nr. 31: mit Chor) hinzutreten oder nach Art von Vorredner und Gemeinde einen Solisten mit dem Chor singen lässt (Nr. 6, 11, 18; 22, 34). Reine Chornummern platziert er als Gliederungspunkte an ausgewählten Stellen innerhalb der Handlung und als Rahmen zu Beginn und zum Ende beider Teile. Choräle gibt es in seinem Werk nicht.

Dr. Henning Bey arbeitet seit Oktober 2025 als Promotion Manager Bühne und Orchester beim Carus-Verlag. Vorher war er Künstlerischer Planer beim SWR Symphonieorchester, Chefdramaturg der Internationalen Bachakademie Stuttgart und Dramaturg beim Freiburger Barockorchester. Editionserfahrung sammelte er als Mitarbeiter der Neuen Mozart-Ausgabe in Salzburg.

Ausgabe

Bisher existierte eine alte Ausgabe von Des Heilands letzte Stunden, die auf dem englischen Erstdruck des Oratoriums (nur mit englischem Text und alten Schlüsseln) basiert. Die kritische Edition vom Carus-Verlag ist die erste moderne Ausgabe des Werks überhaupt. Ihr liegt als Hauptquelle Louis Spohrs autographe Partitur zugrunde. Zum Abgleich der Gesangsstimmen und der dynamischen Angaben wurden zeitgenössische Klavierauszüge hinzugezogen. Als besondere Zutat enthält diese Neuausgabe Spohrs originale Fingersätze in den Streichern. Für die spektakuläre Wiederentdeckung eines herausragenden Oratoriums des 19. Jahrhunderts und seine Aufführung auf Deutsch wie Englisch sind bei Carus eine moderne Dirigierpartitur, ein Klavierauszug sowie das komplette Aufführungsmaterial erhältlich.

Louis Spohr: Jubilate Deo

Für sein „Offertorium“ verwendete Spohr die Worte derIntroitus-Antiphon, die Psalm 65 (66), Vers 1 und 2 entstammten. Solche freien Offertorien waren seit dem 17. Jahrhundert gang und gäbe. Der vorliegende Erstdruck ist nach den Breslauer Stimmen nach sorgfältigem Vergleich mit dem Kasseler Material erarbeitet.

Louis Spohr: Die letzten Dinge

Spohrs Ruf als Violinvirtuose, Komponist, Dirigent und Instrumentallehrer war überragend in der Frühromantik. Die letzten Dinge gilt als das bedeutendste seiner vier Oratorien. Bei der Uraufführung am Karfreitag 1826 traf es auf einhellige Begeisterung. Dem Oratorium liegen die theologisch bedeutsamsten Teile der ­neutestamentlichen Offenbarung des Johannes zugrunde, die Friedrich Rochlitz zu einem Libretto zusammenstellte.

Louis Spohr/Clytus Gottwald: Drei Lieder

Spohr/Gottwald Drei Lieder CoverDie Musik für Chor a cappella spielt im Werk des Violinvirtuosen und Komponisten Louis Spohr (1784–1859) nur eine kleine Rolle, obwohl er den Chor vor allem in seinen frühromantischen Opern wirkungsvoll einsetzte. Hier hat Clytus Gottwald drei Klavierlieder Spohrs nach Texten von Goethe, Amalia Schoppe und Uhland für fünfstimmigen gemischten Chor transkribiert. Spohrs vom stilistischen Übergang gekennzeichnete Musik bietet in ihren Unbestimmtheiten in besonderer Weise Ansatzpunkte für Gottwalds von der Neuen Musik geprägte Bearbeitungstechnik.

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