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Der Meister des Engelsgesangs

César Franck und sein Oratorium „Les Béatitudes“

29.10.2021/1 Kommentar/in Persönlichkeiten, Chorwerke im Spotlight /von Barbara Großmann

César Franck selbst begriff sein Oratorium Les Béatitudes (Die Seligpreisungen) als sein Hauptwerk. Eine „echte“ Uraufführung der Orchesterfassung mit über 250 Mitwirkenden ließ sich erst nach dem Tod des Komponisten im Jahr 1891 in Dijon realisieren. Sie wurde zu einem überwältigenden Erfolg, ebenso wie die Pariser Erstaufführung im März 1893.

Der Meister inmitten seiner Schüler: eine fingierte Momentaufnahme aus dem Pariser Conservatoire der 1870er/80er-Jahre auf einem Buchcover. Dem „Meister“ César Franck (1822–1890) kam im französischen Musikleben des ausgehenden 19. Jahrhunderts eine zentrale Rolle zu: als gefragter Organist, Pianist und Komponist, als Mitbegründer und Präsident der Société nationale de musique sowie als Professor für Orgel am renommierten Pariser Konservatorium, wo er eine ganze Generation bedeutender Musikerpersönlichkeiten nachhaltig prägte. Das Cover von „Accords perdus“ zeigt von links nach rechts eine Auswahl seiner Schüler: Charles Bordes (1863–1909), Alfred Bruneau (1857–1934), Emmanuel Chabrier (1841–1894), Vincent d’Indy (1851–1931), André Messager (1853–1929), Pierre de Bréville (1861–1949) und, für ein musikalisches Vergehen auf den Knien büßend, Ernest Chausson (1855–1899).

Karikatur von José Engel (1868–1937) auf dem Cover von „Accords perdus“ („Verlorene Akkorde“, aber auch „Verlorenes Einvernehmen“, erschienen 1898) des Musikkritikers Henry Gauthier-Villars (1859–1931), besser bekannt unter dem Pseudonym „Willy“.

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Open image in lightbox: C. Franck Open image in lightbox: C. Franck
Open image in lightbox: Ch. Bordes Open image in lightbox: Ch. Bordes
Open image in lightbox: A. Bruneau Open image in lightbox: A. Bruneau
Open image in lightbox: E. Chabrier Open image in lightbox: E. Chabrier
Open image in lightbox: V. d'Indy Open image in lightbox: V. d'Indy
Open image in lightbox: A. Messager Open image in lightbox: A. Messager
Open image in lightbox: P. deBreville Open image in lightbox: P. deBreville
Open image in lightbox: E. Chausson Open image in lightbox: E. Chausson

Ausgerechnet dieser so gemaßregelte Ernest Chausson sollte später César Franck als den „Mann, der in besonderer Weise die Engel zum Singen bringt“ bezeichnen. Das „Panis angelicus“ („Engelsbrot“) für Tenor solo, Harfe, Violoncello und Orgel aus der Messe in A op. 12 (CFF 203) ist das vielleicht bekannteste kirchenmusikalische Werk César Francks überhaupt. Als „das, was ich am besten gemacht habe“, bezeichnete er selbst jedoch sein Oratorium Les Béatitudes („Die Seligpreisungen“ op. 25, CFF 185), das für ihn sein Glaubensbekenntnis und sein Lebenswerk darstellte. Auch hier zeigt er seine Meisterschaft der musikalischen Darstellung himmlischer Sphären: Auf einen einführenden Prolog folgen acht Sätze zu biblischen Seligpreisungen aus der Bergpredigt Jesu (Matthäus 5,3–10), in denen kontrastierend irdische Welt und himmlischer Trost gegenübergestellt werden. Den Chören auf der Erde und im Himmel kommt dabei eine bedeutende inhaltliche Funktion in der dramaturgischen Schilderung und der kommentierenden Ausdeutung zu. Das Libretto von Joséphine-Blanche Colomb (1833–1892) wurde zwar manchmal mit wenig schmeichelhaften Worten bedacht (so z.B. von einem anderen bekannten Franck-Schüler, nämlich von Claude Debussy), aber es bietet einen dramaturgisch einheitlichen Rahmen für eine musikalisch sehr abwechslungsreiche Gestaltung und führt am Ende hin zu einer eschatologischen Vision des menschlichen Schicksals: Der Kampf des Bösen gegen das Gute endet mit der Niederlage Satans, dem Sieg Christi und dem Einzug der Gläubigen ins Paradies.

Arsène Robert (1830–1895), „Le Sermon sur la montagne“
Église St. Martin de Castelnau-d’Estrefonds (CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

 

Diese kontrastierende Gegenüberstellung himmlischer Gefilde und irdischer Niederungen durchzieht auch andere Werke César Francks, z.B. die „poème-symphonie“ La Rédemption, für deren Komposition er die Arbeit an den Béatitudes zeitweilig unterbrach. Das Treiben auf der Erde zeichnet Franck gerne durch markante Rhythmen und „schwere“ Bässe, während die himmlischen Sphären durch lange melodische Kantilenen sowie durch sanfte Figurationen der Streicher oder durch Harfenklänge dargestellt werden. Schon in einem frühen Stadium der Komposition notierte der Organist Franck stets die benötigten instrumentalen „Register“ des Orchesters, die ihm für die jeweiligen Abschnitte vorschwebten, und meisterhaft versteht er es, Klangflächen der instrumentalen und vokalen Chöre für den musikalischen Ausdruck einzusetzen.

César Franck
Messe in A (Orchesterfassung)

  • Partitur: Carus 40.646
  • Chorpartitur: Carus 40.646/06
  • Orchestermaterial: Carus 40.646/19

César Franck
Les Béatitudes (Die Seligpreisungen)

  • Partitur: Carus 10.393
  • Klavierauszug: Carus 10.393/03
  • Orchestermaterial: Carus 10.393/19

Einzug deutscher Truppen in Paris am 1. März 1871
(Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Hauptstaatsarchiv Stuttgart, M 703 R968N24 / Schlachtenmaler Neumann, Fritz, München (Bayern); Verlag Hans Kohler & Co., München; Bild XII der Postkartenreihe „Aus großer Zeit. Bilder aus dem deutsch-französischen Krieg 1870/71“ https://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=1-116324-1)

Die Béatitudes entstanden zu einer Zeit, in der Franck auch ganz persönlich erfahren konnte, was er im zweiten Satz vertonte: „Der Himmel ist fern, die Erde ist dunkel.“ Er schrieb diese Noten 1870 in Paris unter preußischem Artilleriebeschuss während des Deutsch-Französischen Kriegs. Während die französischen Staatsbürger Saint-Saëns, Fauré, Massenet oder Bizet in der Garde nationale dienten und die Stadt verteidigten, musste der gebürtige Belgier Franck, der niemals die französische Staatsbürgerschaft annahm, zwar nicht selbst einrücken, doch die Mehrzahl seiner Schüler stand an der Front, und der Lehrbetrieb am Konservatorium war weitgehend zum Erliegen gekommen. Der Professor hatte Zeit zum Komponieren.

Über 10 Jahre zog sich die Arbeit an den Béatitudes hin: von 1869 bis 1879. Es ist kaum vorstellbar, dass ein solch monumentales Werk, das der Komponist als sein Hauptwerk begriff, nur als Klavierfassung in dessen Privatwohnung zur Uraufführung kam. Es musizierten Studierende des Konservatoriums sowie Debütanten der Oper. Zu allem Überfluss hatte Franck sich am Vorabend die Hand in einer Tür eingeklemmt, so dass er nicht selbst am Klavier sitzen konnte. Vincent d’Indy musste kurzfristig einspringen. Es wundert nicht, dass die Uraufführung unter diesen Bedingungen nicht gelingen konnte. Enttäuscht durch diesen Misserfolg, führte Franck Zeit seines Lebens nur noch einzelne Nummern aus dem Werk auf, einige Sätze hörte er wahrscheinlich niemals in der Orchesterfassung.

Erst nach dem Tod des Komponisten fand eine komplette Aufführung der Béatitudes in der Orchesterfassung statt. Diese „echte“ Uraufführung mit über 250 Mitwirkenden in Dijon im Jahr 1891 war ein überwältigender Erfolg, ebenso wie die Pariser Erstaufführung im März 1893. Joël-Marie Fauquet nennt das Werk den „mystischen Höhepunkt des 19. Jahrhunderts“.

Foto: Barbara Grossman

Barbara Grossmann ist seit 2004 als Lektorin im Carus-Verlag tätig, u.a. mit dem Schwerpunkt auf der Musik französischer Komponisten. Sie leitet selbst verschiedene Chöre und spielt Violine und Viola.

César Franck

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Les Béatitudes (Neuauflage)

Das Werk vermittelt durch seine symmetrische Anlage einen großen Bogen: Auf einen kurzen Prolog folgen acht Sätze, in denen die Christusworte kontrastierenden irdischen Szenen gegenübergestellt werden.

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Messe in A (Orchesterfassung)

César Francks große Orchestermesse in A-Dur von 1861 gehört zu jenen Werken, die der Komponist für den liturgischen Gebrauch an Ste. Clotilde in Paris schrieb, seiner langjährigen Wirkungsstätte als berühmter Organist und Orgelimprovisator.

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Messe in A (Orgelfassung)

Wohl aufgrund von Bedenken seines Verlegers arbeitet Franck seine Orchestermesse einige Jahre nach deren Entstehung für eine stark reduzierte Besetzung um: Statt des Orchesters sind neben der Orgel nur noch Harfe, Violoncello und Kontrabass gefordert.

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Panis angelicus

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Psalm 150

Der Psalm 150 von 1884 ist eine Komposition aus der schöpferischen Reifezeit César Francks. Auf engem Raum treten die charakteristischen Merkmale seines Stils in Erscheinung.

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Fünf kleine Kirchenwerke

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1 Kommentar
  1. Volker Alt
    Volker Alt sagte:
    10.01.2026 um 22:02

    Vielleicht eine kleine historische Korrektur. Im Geburtsjahr 1822 gab es den Staat Belgien noch nicht. Lüttich -die Geburtsstadt des Komponisten- lag damals im Königreich der Vereinigten Niederlande, so dass Franck pro forma wahrscheinlich Niederländer war. Seine Mutter stammte aus Aachen ( damals freie Reichsstadt im Hl. Römischen Reich) der Vater gebürtig aus Lüttich ( damals Fürstbistum).

    Reply

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